Second Life, das ist eine Reise vom totalen Kapitalismus in den totalen Kapitalismus.
In den letzten Monaten wurde in den deutschen Massenmedien ja sehr laut von diesem zweiten Leben, dieser zweiten Chance für jedermann geschwärmt.
Als ich also endlich mein Rüstzeug zur Teilnahme an der digitalen Lebensrealität von heute beisammen hatte einen zumindest den Mindestanforderungen für die Nutzung des besagten Programms entsprechenden Internetzugang wollte ich mich natürlich auch gleich einmal in dieser sagenumwobenen Welt umsehen.
Ich besorgte mir also einen Namen und eine Identität fürs zweite Leben und schwebte auch schon bald aus der Nichtexistenz ins wirkliche Leben von Second Life herab.
Als erstes landet man in einer Art Trainingscenter. Dort soll man allerhand lernen - wie man geht und steht, Sachen hochhebt und kommuniziert. Kommunizieren ist ganz wichtig in Second Life, das wichtigste überhaupt. So sagt man.
Man lernt natürlich auch, seinen Avatar optisch verändern zu können. Und das ist eigentlich der größte Reiz an der ganzen Sache sich einmal so zu bauen wie man in der wirklichen Welt eigentlich gerne aussehen würde oder wie man sich innerlich fühlt. So viele empfindsame Seelen sind ja beispielsweise mit einem grobschlächtigen Äußeren gestraft. Auch Möchtegern-Schläger mit dafür viel zu zartem Knochenbau soll es schon gegeben haben.
Hier kann man sich nun also endlich den passenden Körper zum eigenen Ich erstellen und das Experimentieren ist durchaus interessant, würde man doch nur bei den ersten Umbaumaßnahmen nicht ständig von irgendwelchen Mitteilnehmern auf Konfrontationskurs wahlweise angerempelt, über den Haufen gerannt oder auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zur Selbstverschönerung beharrlich auf Schritt und Tritt verfolgt.
Die ersten zwischenmenschlichen Kontakte in Second Life fand ich also nicht gerade angenehm. Ich sah mich von muskelbepackten, blonden, braungebrannten Surfertypen umzingelt, die mich wie gesagt mit großer Beharrlichkeit belästigten. Vielleicht aus dem Grund, weil ich ein anderes Schönheitsideal als sie bevorzugte. Individuelle Schönheitsideale sagen ja tatsächlich viel über einen Menschen aus. Man merke sich: Wer gerne wie eine Mischung aus kalifornischem Beachboy und wagnerischem Hünen aussehen würde, neigt nicht zu Sensibilität und Zurückhaltung im zwischenmenschlichen Umgang. Ich selbst hingegen war schon bei meinen ersten Schritten im Second Life ständig auf der Flucht. Da konnte mir die zweite Realität leider keine schönere Alternative zum bisherigen Alltag bieten.
Bei meiner eigenen körperlichen Gestaltung stellte ich fest, daß ich im mich für keine außergewöhnlichen Merkmale entschied. Ich blieb meinem herkömmlichen Geschlecht und meiner herkömmlichen Körpergröße treu und entschied mich im Unterschied zur Natur nur für eine dezente Knollennase und eine etwas rundlichere Statur. Einige Tage später versuchte ich auch einmal, als Frau durchs zweite Leben zu schreiten aber das geschah nur als eine Art Beschäftigungstherapie um der Langeweile mit etwas Abwechslung zu begegnen. Viele Menschen träumen aber scheinbar davon, fuchsähnliche, plüschige Wesen in sämtlichen Regenbogenfarben zu sein. Die sogenannten Furbies. Man sieht sie überall. Einmal sprach mich eines an und ich wußte einfach nicht, was ich solch einem Geschöpf sagen könnte. Mit der Kommunikation klappte es bei mir überhaupt nicht.
Ich wurde insgesamt zweimal angesprochen und beide Male entschied ich mich, die Ansprache zu ignorieren. Beim ersten Mal sagte das Plüschgeschöpf aber auch einfach nur meinen Namen, wahrscheinlich weil ich ihm im Weg stand. Und beim zweiten Mal sagte jemand „hi“ - vielleicht zu mir, vielleicht zu jemand anderem. Ich wollte keine Verwechslung riskieren, weil ein paar virtuelle Meter weiter hatten alle Avatare etwas, das wie Sex aussehen sollte. Ich hatte dazu keine Lust. >