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Second Life
Ein Reisebericht
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Aktivitäten, die wie Sex aussehen sollen, werden in Second Life fleißig betrieben. Deshalb gibt es auch so viele Sperrgebiete und exklusive Zonen, wo es wohl richtig heiß hergehen muß. Leider kann ich darüber nichts berichten, denn man kann nicht einfach so einmal durch diese Orte hindurch schlendern. Das kostet schon richtiges Geld, für Zahlungsunwillige nicht geöffnet.

Wenn man nicht zahlungswillig ist, sind die eigenen Möglichkeiten in Second Life ohnehin schnell ausgeschöpft. Womit wir beim totalen Kapitalismus wären. Reale Menschen zahlen reales Geld für virtuelle Gegenstände und Dienstleistungen in der Polygonwelt Second Life. Das ist kein Scherz, sondern bittere Wirklichkeit.

Aber die Verlockungen sind ja auch allgegenwärtig. Die Landschaften in Second Life sind ohne Übertreibung die reinsten Werbeflächen. Überall liegen und stehen Dinge bereit, die man gegen Geld in sein Inventar kopieren darf. Und es gibt auch zahlreiche Läden, in denen man ebenfalls für reales Geld Mode oder Frisuren oder schönere Haut oder auch Dinge für den virtuellen Hausgebrauch kaufen kann. Wenn man kein 0815-Avatar von der Stange sein will, muß man schon investieren. Für astronomische Summen kann man sich da etwa Turnschuhe für den Avatar von angesagten Marken der hiesigen Realität kaufen. Ein weiterer trostloser Aspekt der Erfindung. Es herrschen in der neuen Welt die gleichen Modediktate und Zugehörigkeitscodes wie in der alten. Man kann übrigens über eine Suchfunktion nach den Läden suchen, die das anbieten, was man gerade meint zu brauchen, aber alle unzweideutigen Anbebote – sofern es sie geben sollte – gehen leider in der Flut an Porno-Reklame unter, die einem überall um die Ohren gehauen wird. Es ist eine kostspielige, billige Welt.

Aber man kann ja immerhin fliegen in Second Life. Nein, nicht mit dem Flugzeug, sondern ganz selbstständig ohne fremde Hilfsmittel. Also fliegt man schleunigst ganz weit weg von den ganzen Shopping Malls und Eros-Centern.

Dann fliegt man so über den Ozean hinweg in den Sonnenuntergang hinein und stößt irgendwann mit der Nase an einen der zahlreichen verbotenen Sektoren, zu deren Durchquerung man nicht autorisiert ist. Ich hatte mir bei meinem insgesamt 3tägigen Aufenthalt in Second Life schnell angewöhnt, menschenleeren Orte wie Strände und Wälder aufzusuchen, aber selbst die waren keineswegs immer öffentlich – irgendwo standen immer irgendwelche virtuellen Luxusvillen, deren umliegende Gelände man natürlich auch nicht betreten durfte. Es gibt offensichtlich reale Menschen, die sich ihren Elitarismus in Second Life einiges kosten lassen. Es wirken die gleichen Mechanismen wie in der realen Welt. Statuskämpfe und Vertreibungen aus vielleicht möglichen Paradiesen. Das Elend dieser zweiten Welt besteht darin, daß die Wesen die sich darin aufhalten eben doch nur die gleichen kleinlichen, besitzstandwarenden Geister sind wie in der realen Welt auch. Mein Haus, mein Pferd, meine Yacht, meine Frau, meine goldene Kreditkarte – hier wie da.

Was mich persönlich am meisten an Second Life störte, war das Gefühl überwältigender Einsamkeit, die mich dann auch recht schnell dazu trieb, das Programm nach besagten 3 Tagen endgültig von meiner Festplatte zu verbannen. Ich kann mich an nur wenige Begebenheiten im realen Leben erinnern, in denen ich mich so einsam fühlte wie während meines gesamten Aufenthalts in Second Life. Und die traurige Ahnung, daß nicht wenige Menschen ihr Sexualleben, ihre gesamten zwischenmenschlichen Begegnungen in die virtuelle Welt verlegen, sagt einiges über den grausigen Zustand unserer realen Lebenswelt.

Die Feuilletons reden es den Menschen derzeit ja förmlich ein, daß Second Life eine tolle Alternative zum realen Elend sei. Es wird im TV gern von Hartz IV- Empfängern berichtet, die sich in Second Life ein bißchen Selbstwertgefühl verschaffen können – was natürlich allseits hingenommener Weise im realen Leben nicht möglich ist. Second Life wird somit die Funktion einer Art mentalen Aufrichtungsanstalt für die in der realen Welt an den Rand Gedrängten zugeschrieben. Was die harte Wirklichkeit (also die Damen und Herren, die sie gestalten) nicht mehr leisten will, das soll man sich bitteschön in Second Life holen. Nur dumm, wenn einem der Staat nicht genug Almosen zur Verfügung stellt, daß man sich einen den Minimalanforderungen für die Teilnahme an Second Life genügenden Computer und Internetzugang leisten kann. Aber im Prinzip ist es den Regierenden ja auch egal, ob die Untergebenen ein Selbstwertgefühl haben können oder nicht. Eigentlich ist es ja besser für Regierende, wenn die Untergebenen kein Selbstwertgefühl haben.

So fliehen diejenigen von uns, die es sich leisten können, ins zweite Leben. Und wir bekommen gar nicht mehr mit, was hier drüben vor sich geht – im Land der 0 Euro-Praktikanten und 1 Euro-Akademiker, der unaufhörlich steigenden Kinderarmut, eines Gesundheitssystems, das mittlerweile Menschen, die nicht das Glück haben, ihre Behandlung privat finanzieren zu können, verrecken läßt.

Wir hüpfen im rosa Fell durch Second Life. Und sollten wir irgendwann zurückkehren, ist vielleicht erst recht nichts mehr da, was ein Leben in der Wirklichkeit noch erstrebenswert erscheinen lassen könnte. <

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© Andre Seifert, 2007
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