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Fremde Bahnen
Ein Alltagsfragment
Seite 1
Würde ich jetzt stehen bleiben, so würde ich hinweg gerissen - davongetragen wie auf einer Welle. Doch wirkt hier nicht die Kraft einer Natur, die ohne Absicht auf die Existenz der ihr ausgelieferten Geschöpfe ihren Einfluß geltend macht.

Bloß Menschen sind es, in deren Strom ich mich einzufügen verstehen muß, um nicht von der Gewalt ihrer Masse zu Boden gedrückt zu werden.

So bemühe ich mich nach Kräften, mich des Menschenstroms würdig zu erweisen. Der größte anzustrebende Erfolg dabei besteht einzig und allein darin, niemanden in seiner rechtmäßigen Bewegung zu stören, nicht im Wege zu stehen, um es vielleicht mit heiler Haut nachhause zu schaffen. Die Bewegung im öffentlichen Raum erfordert einiges an Übung und Geschick.

Der sichere Hafen ist für mich heute noch nicht in Sicht.

Dies ist lediglich eine Station, ein Knotenpunkt, der das unterirdische Verkehrsnetz unterbricht, um den Passagieren das Umsteigen und das Aufsteigen ans Tageslicht zu gestatten, das man hier unten niemals sieht.

Eine Masse von unbestimmter Kontur, die, den immer wieder von neuem aufschäumenden Wogen eines jeden Ozeans ähnlich, in die unterirdischen Schaltzentralen des menschlichen Vorankommens entströmt, zwischen denen ihre beliebig kombinierbaren Bestandteile in Zügen und Bahnen befördert werden. Sie werden auf fremden Bahnen gezogen. Von ihren fremden Ausgangspunkten zu ihren fremden Zielen.

Hier an diesem Ort sind wir alle schon einmal unter der Erde, noch vor unserer Zeit, bevor unsere Zeit gekommen ist - wer weiß wie lange sie noch auf sich warten läßt. Unsere Ruhe werden wir hier nicht finden, denn hier bewegen wir uns fort, meist hektisch geradezu.

Von den Stätten unserer letzten Ruhe sind wir sicher getrennt.

Behütet von dicken bunten Wänden, behütet von den allgegenwärtigen Gelegenheiten zur Zerstreuung, die Konsum meint. Hier konsumieren wir das Leben, manchmal fast panisch, als würden wir ahnen, daß wir dem Tod hier am nähesten sind.

Manchmal haben wir die seltene Gelegenheit hier unten, auf der anderen Seite des Erdreichs, das die Toten birgt, den Tod im Entstehen zu bezeugen. Immer wieder einmal läßt einer sein Leben hier auf den Gleisen liegen, will es einfach nicht mehr haben.

Gespenster, deren Heimat dieser Ort ist.

Sehen sie uns dabei zu, wie wir uns in ihren Katakomben fortbewegen?

Büromenschen nutzen ihre Mittagspause, um gehetzt durch die unterirdischen Erlebnis- und Einkaufspassagen zu stürmen, als müßten sie gierig ein bißchen Leben an einer der zahlreichen, schon seit einiger Zeit sehr beliebten Saftbars in sich aufsaugen, um es nachher, wieder in ihren Büros angekommen, wieder aus sich entweichen fühlen zu können.

Wann sind die Bahnhöfe und U-Bahn-Stationen eigentlich zu Gesundheitstempeln geworden – zumindest die in den rentableren Gegenden, so wie hier, direkt unter einer überirdischen Einkaufsmeile, deren nahtlose unterirdische Fortsetzung dieses Tunnellabyrinth ist?

So fügen sie sich ein in ein Netz von Naherholungsgebieten und Entspannungsoasen, deren Besuch man sich gönnen darf, wenn man es bezahlen kann. >

© Andre Seifert, 2006
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