Manche Bücherregale sind ein einziger unausgesprochener Hilfeschrei: Es gibt zu viel Essen in unserem Leben, wir kommen mit der Bewältigung des vielen Essens nicht mehr zurecht. Die Bilder auf den Büchern zeigen hingegen nur dünne, glückliche Frauenkörper, die nicht den Drang zum Schreien in sich haben. Wenn ihnen ein Ton entfährt, ist es nur ein selbstzufriedenes Lachen. Es wird viel gelacht auf den Deckeln der Bücher, die man in Bahnhofsläden kaufen kann. Es wird auch viel geküßt auf den Deckeln von Büchern, die man ebenfalls hier kaufen kann.
Und wenn dann Männer und Frauen zumindest im Abnehmen vereint sind, können sie sich hier noch mit der passenden Literatur eindecken, die sich die Aufklärung über die Kommunikation zwischen den Geschlechtern auf die spöttische Fahne geschrieben hat.
Prominente Ehepaare wissen darin über die Tücken des zwischengeschlechtlichen Alltags zu berichten, stets mit einem Augenzwinkern. Das Leben muß einfach sein und gut, wenn man seine Gedanken Dingen widmen kann wie den männlichen und weiblichen Arten zu gehen, zu reden, zu denken oder auch nur Fernzusehen, Körperpflege zu betreiben, sich für einen Opernbesuch herzurichten. Wenn wir uns nun selbst solchen Büchern widmen, scheint auch unser Leben einfach und gut. Die streng an allerlei Geschlechtsmerkmalen orientierte gegenseitige Analyse zwischen Mann und Frau ist ein an vielen Orten praktiziertes Gesellschaftsspiel.
Dafür muß ein Mitglied des jeweils anderen Geschlechts überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Männer reden mit anderen Männern: So sind sie, die Frauen. Frauen reden mit anderen Frauen: Typisch Mann, dieser Mann - so wie alle anderen Männer auch, die wir nicht kennen und mit denen wir noch nie gesprochen haben. Und dennoch kennen wir sie alle, denn sie sind einander alle gleich.
Männer und Frauen sprechen im Chor, doch nicht miteinander: "Wir kennen euch alle, darum brauchen wir euch auch nicht zu kennen. Ihr seid alle gleich, Frau gleich Frau, Mann gleich Mann. Wir tauschen euch aus und verlieren irgendwann den Überblick. Wir kennen die Tabellen, anhand derer man euer Wesen ablesen kann; Wir kennen sie aus unseren Zeitschriften mit ihren Psychotests und Psychoratgebern. Es mag ein paar verschiedene Grundtypen von euch geben, je nachdem wie viele Punkte wir bei unseren Psychotests mit euch als unseren heimlich überprüften Versuchsobjekten ansammeln konnten, aber im Kern seid ihr alle gleich, nämlich anders als wir. Und der Graben ist zu tief, wir sind getrennt, selbst in der Partnerschaft, selbst in der Liebe, wenn es sie denn einmal zwischen uns geben sollte. So sagen es die Zeitschriften, so sagen es die Bücher, so sagt es die Religion und so sagt es die Wissenschaft."
In den Zügen und Bahnen reden Frauen miteinander. Insbesondere junge Frauen gehen bevorzugt mit ihresgleichen durch die Welt und reden dabei. Sie reden dabei am liebsten über die jungen Männer, die sie sich gerne angeln würden und über diejenigen, die sie sich schon an Land gezogen haben. Dabei wissen sie, daß diese Männer es niemals hören dürften, wie hier über sie gesprochen wird, denn dann wäre es schnell vorbei mit dem Besitz. Nichtsdestotrotz reden sie fleißig weiter und berichten von den neuesten Kunststückchen, die sie ihrem jeweiligen zweibeinigen Freund wieder beibringen konnten. "Meiner hat gestern abend für mich gekocht." "Meiner macht immer den Abwasch und ist auch sonst ganz pflegeleicht. Das war aber auch nicht so leicht, ihn soweit zu bekommen."
Während die Frauen so reden, daß für alle anderen im Abteil gar kein Raum mehr zum Reden bleibt, setzen sich Züge und Bahnen in Bewegung. Züge und Bahnen schweben Gleise entlang, rollen über Schienen. Züge und Bahnen, in denen Frauen reden, in denen Männer schweigen, in denen Telefone klingeln und Blicke anderen Blicken ausweichen, wo Pläne geschmiedet und Pläne verworfen werden. < >