Züge und Bahnen passieren Schienen und Gleise - an manchen Stellen hat ein Mensch sein Leben gelassen. Wir rollen hinweg über diese letzten Orte, wo Herzen aufhörten zu schlagen, wo Körper zerrissen wurden. Kaum einen Meter unter unseren Füßen. Kaum eine Strecke, die davon nicht gezeichnet ist.
Sie flüstern uns zu, jedem von uns: Auch Du bist sterblich.
Durch Zahlenwälder von Meßlatten und Wertigkeitstabellen, die wir an uns selbst und andere anlegen, von Idealgewichten, Intelligenzquotienten, von Körpergrößen, Traummassen, die das Glück versprechen, durch Tonsalven zerstörter Melodien, durch Wortfetzen, durch Lachen, durch traumlosen Schlaf, durch Tränen, durch den Rauch einer schamhaft angesteckten Zigarette, durch das Geräusch umgeschlagener Seiten hindurch: Du bist sterblich.
Ich muß mich bemühen, hier in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen, denn ich gehöre nicht dazu. Und sollte das auch nur einer der hier unfreiwillig versammelten öffentlichen Menschen bemerken, bräuchte ich eine freie Bahn, ein wenig Platz, den ich hier jedoch nicht habe, um mir einen Fluchtweg vor dem Urteil der öffentlichen Meinung zu erschließen, die aus den Mündern der öffentlichen Menschen widerhallt. Denn diese öffentliche Meinung ich darf mich jeden Tag in den Medien darüber informieren hält nicht allzuviel von mir. Erstaunlich ist das nur deshalb, weil sie mich persönlich gar nicht kennt. Aber das stört sie auch nicht in ihrem unbändigen Mitteilungsbedürfnis, es mir und meinesgleichen immerzu entgegenzuschreien, was sie von uns hält, was wie gesagt nicht viel ist.
Auf mich persönlich kommt es bei diesem Urteil überhaupt nicht an, weil ich persönlich auch gar keine Rolle spiele, was ja auch einer der hervorstechenden Kritikpunkte an meiner Existenz ist, außer vielleicht die Rolle des personifizierten und dennoch völlig gesichtslosen Übels. So fällt mir immerhin dann doch eine Rolle zu, denn eine Rolle muß man schon gespielt haben in seinem Leben. Sonst wär’s ja so, als hätte man gar nicht gelebt, als wenn man gar nicht da gewesen wäre. Aber dafür, daß ich nicht ungesehen und noch weniger ungeschoren davon komme, dafür sorgt sie schon, die öffentliche Meinung. Da gibt sie ihren Vertretern und ihren Anhängern schon genügend Befugnisse und Werkzeuge in die Hand, dafür zu sorgen, daß bloß keiner sich vorbei schleicht, so tut als wäre er gar nicht da, so tut als ob er gar nicht dazugehört - womöglich sich auch noch für etwas besseres hält, in jedem Fall aber nicht auf die Art und Weise teilnimmt wie sie es gerne hätte, die öffentliche Meinung.
Denn ich lebe in vielerlei Hinsicht auf Kosten anderer, was mich von denen, die sich voller Inbrunst ihrer Empörung über mich und meine Artverwandten hingeben, gar nicht so sehr unterscheidet. Aber die Gnade, die sie sich selbst und dafür keinem anderen entgegenbringen, läßt sie über den Nutzen, den sie tagtäglich aus anderen ziehen, und sei es nur, um sich über sie zu empören, großzügig hinwegsehen. Der Preis, den ich ihnen dafür zahlen muß, ist der Verlust meiner Zugehörigkeit, die ich vielleicht nie wirklich besaß.
Es sind nicht nur die durch die öffentliche Meinung angeheizten Mitmenschen, denen man in meiner Position besser nicht in die Hände fällt. Aber den anderen Richtern widme ich meine Gedanken lieber erst dann, wenn sie einmal mehr ihre Sonntagskleider angezogen haben werden.
Bald bin ich, wenn auch nur für heute, am Ende meiner Reise. Bald werde ich zuhause sein und den Tag, der hinter mir liegt, in den Lauf meines Lebens einordnen . Am besten vergessen, daß ich mit meinem Leben nicht mehr anzufangen wußte, als letztendlich an diesem Tag an den Ort zu gehen, an dem ich trotz allem wieder mein Glück versucht habe und es wieder nicht fand. Ich würde noch lieber hier unter der Erde weilen, in welcher Form auch immer, als noch einmal an diesen Ort zu gehen. Aber ich werde es tun müssen. Menschen werden es von mir erwarten und deshalb darauf bestehen. Eine andere Wahl habe ich auch nicht.<