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Fernsehen bildet I - Die Castingkultur
Ein Alltagsfragment
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Auch Du kannst ein Star sein, plärrt Dir ein zur Grinsefratze erstarrtes Gesicht entgegen.
Die Welt, die uns in den Boulevardmagazinen der diversen Fernsehsender nahegebracht wird, ist ein wundersamer Ort. Die Boulevardmagazine sind wie Volkshochschulkurse, in denen man uns beibringen will, wie wir zu sein haben, um eine gute Figur in unserem angenehmen Leben zu machen, was natürlich nur dann angenehm sein kann, wenn wir uns die besagte gute Figur schon antrainiert haben. Die Boulevardmagazine zeigen uns heldenhafte Menschen von nebenan, wie Du und ich, die allerlei Schicksalsschläge mit Fleiß und Optimismus zu bewältigen verstanden, an denen wir uns ein Beispiel zu nehmen angehalten sind.

Dann zeigen uns die Boulevardmagazine auch noch dankenswerterweise, welche Farben und Frisuren man in der aktuellen Saison zu tragen hat, um im flippigen Großstadtleben nicht negativ aufzufallen.
So wackeln dann etwa überdrehte Stylisten durch Fußgängerzonen und greifen sich ihre dankbaren Opfer im Auftrag der Sendezeitbefüllung. Die dankbaren Opfer strahlen nach dem Stahlbad der optisch-sozialen Verbesserung in die Kameras und sagen Danke. „Danke, daß wir nun gut genug sind fürs flippige Großstadtleben.“ Und wir fühlen uns dann fast wie kleine Stars, wenn irgendein Fernsehsender seine Patrouille im Dienste des einheitlichen Geschmacks entsendet und uns zu verbesserungsbedürftigen und also immerhin doch auch verbesserbaren Objekten erhebt. Wir haben also Potential. Heißa, das wussten wir noch nicht.

Das Zappen durch die unterschiedlichen Formate, die einander auffallend gleichen, ist wie eine Reise zu den Heimstätten des Wahnsinns. Eines Tages wird sich die Geschichtsschreibung einig sein, daß an der Schöpfung des standardisierten Menschen, an der sich schon so viele akademische Disziplinen und Wirtschaftszweige versuchten, die Boulevardmagazine in nicht unerheblichem Maße beteiligt gewesen sein werden. Denn man zeigt uns dort nicht nur, was das gute Leben ist. Man zeigt uns auch, was man alles falsch machen kann. Und man zeigt uns dann auch Leute, die alles falsch machen oder früher schon einmal alles falsch gemacht haben. Wir sind dann angehalten, uns zu bemühen, daß wir selbst ja nicht so enden wie die abschreckenden Beispiele.

Eine kleine Sternstunde des Wahnsinns:
Eines der besagten Magazine berichtet von der Suche eines Frisörs nach Auszubildenden.
Der Frisör ist offenbar ein Mann, der schon viele Ausgaben diverser Boulevardmagazine verinnerlicht hat und sich auch ansonsten gut auszukennen scheint, was den letzten Schrei in populärkulturellen Angelegenheiten betrifft.
Der Frisör veranstaltet nämlich, immerhin erst im Jahre 3 oder 4 nach Beginn der televisionären Sintflut der Castingshows, den originellen Wettbewerb „Deutschland sucht den Super-Frisör“. Wie passend, daß dazu ausgerechnet der Fernsehsender anwesend ist, der schon die erste Plage in Form von Möchtegern-Popsternchen auf uns losließ. Und wenn ich, nebenbei bemerkt, wirklich Deutschland bin, wie man mir zu versichern nicht müde wird, kann ich nur konstatieren, daß ich mitnichten auf der Suche nach irgendwelchen Supergeschöpfen bin und daß man Deutschland wiedereinmal nicht gefragt hat.

Der Frisör - Typ jungdynamischer Herrenmensch mit Solarien-Teint – sagt, er wünsche sich jemanden für sein Team, der morgens mit Begeisterung aufstehe anstatt dies nur zu tun, „um pinkeln zu gehen“.

Es sitzt eine dubiose Jury, bestehend aus etwa zwanzig Personen, hinter dem Frisör. Gemeinsam begutachtet man die Bewerber. Die Kamera hält drauf. Kriegsberichterstattung.
Man stellt den Bewerbern allerhand Fragen, von denen keine etwas mit der Kunst des Haarewaschens zu tun hat.

Dank der Live-Berichterstattung vom Ort des Geschehens erfahren wir Zuschauer nun, was man alles mitbringen muß, um in diesem Land einen Ausbildungsplatz sein eigen nennen zu dürfen.
Im Castingverlauf werden Rechenaufgaben gestellt, weil mathematisches Talent für den Beruf des Frisörs sicher unerläßlich ist.
Dann wird nach Hauptstädten diverser Länder gefragt, vielleicht weil wir ja nun alle wissen, daß die Welt hier von nun an sicher oft zu Gast bei Freunden sein wird. Und das sich in Behandlung begebende Bildungsbürgertum verlangt sicher nach weltmännischer Konversation.

Die ersten beiden Runden sorgen schon einmal für einen ordentlichen Kandidatenschwund. >

© Andre Seifert, 2006
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