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Fernsehen bildet I - Die Castingkultur
Ein Alltagsfragment
Seite 2
Dann kommt es zum spannenderen Teil: Der Frisör ist nun an den Persönlichkeiten seiner potentiellen Fachkräfte interessiert. „Kannst Du uns mal erzählen, warum Du dich gerade hier bei uns beworben hast?“ Das Spielchen kennen wir. Aber nicht jeder scheint es zu kennen.
In entwaffnender Offenheit bekennt eine Kandidatin, sie habe sich einfach mal überall beworben. Von den meisten habe sie gar keine Rückmeldung erhalten und so sei sie eben bei diesem Casting gelandet. Schwerer Fehler!
Rotes Licht blinkt, Alarmsirene schrillt, Klappe im Boden öffnet sich.
Der Nächste bitte.

Das kommt uns gar nicht komisch vor, oder? Daß Aufrichtigkeit disqualifiziert und die gehorsame Verwendung gängiger Floskeln das Glück verheißt.
Seit Jahren erzählen uns Ratgeber aller Art, selbsternannte Arbeitsmarktexperten, daß es unerläßlich ist, im Bewerbungsprozeß den Eindruck zu erwecken, es sei das einzige Lebensziel des sich bewerbenden Individuums, genau einzig und allein bei diesem jeweiligen Unternehmen arbeiten zu dürfen, bei dem man sich gerade bewirbt. Das hat man gefälligst glaubhaft rüberzubringen. Das wissen wir. Das erzählt man uns seit Jahren. Hat schon mal einer dieser Experten erklärt, warum das eigentlich so zu sein hat? Was steckt dahinter?
Fragen wir uns das eigentlich ab und zu, wenn wir gehorsam derlei Tips befolgen?

Da werden natürlich zuweilen schon einmal scheinbar ganz vernünftige Gründe aufgezählt.
Der erste ist, daß wir uns ja mit einer Bewerbung positiv von der Masse der übrigen Bewerber abheben müssen, um überhaupt eine Chance zu haben. Da aber alle übrigen Bewerber genau die gleichen Ratgeber lesen und genau die gleichen Tips befolgen, geht der Plan natürlich nach hinten los.
Der zweite gern genannte Grund: Unser potentieller Arbeitgeber verlangt von uns, daß wir uns schon einmal prophylaktisch mit seinem Unternehmen identifizieren, um damit zu demonstrieren, daß wir auch im Falle einer Anstellung unser Leben ganz dem Wohlergehen jener Firma widmen werden. Wir sollen zeigen, daß wir bereitwillig kleine Menschen sind, die dafür leben, den großen Menschen, denen die Firmen gehören, zu dienen. Das müssen wir nun auch noch glaubwürdig verkaufen. Es reicht schon lange nicht mehr, daß uns ohnehin nichts anderes übrigbleibt. Jetzt sollen wir auch noch dabei grinsen und wie wildgewordene Cheerleader kreischen „Ich bin glücklich!“. Wem dient es?

Unterschwellig brodelt der Haß, was der Chef ahnt und was ihn umso mehr freut, weil es seine Macht verdeutlicht.

Kommen wir zurück zu unserem Fallbeispiel. Es geht um einen Frisörladen. Würde ich mich in die Hände jener Zunft begeben, dann wäre es mir als Kunde natürlich völlig egal, ob der Mensch, der mich da versorgt, eine gehobene Allgemeinbildung hat. Es wäre mir auch egal, aus welchen Gründen jene Person dort arbeitet. Es wäre mir eigentlich angenehmer, es mit jemandem zu tun zu haben, der eine realistische Einschätzung der Dinge hat, statt mit einer mental aufgeputschten PR-Kraft, die mir klarmachen will, welch Glück es für sie ist, diese Aufgabe bei diesem tollen Unternehmen verrichten zu dürfen. Mir als potentiellem Endverbraucher dient es also nicht, wenn die Dienstleistungskräfte als „Think Positive“-Patrouille daherkommen. Ich vermute, es dient in erster Linie der Eitelkeit des jeweils über jene Dienstleistungskräfte Verfügenden.

Es gibt Studien, die besagen, daß der Zwang zur positiven Ausstrahlung, zum Dauerlächeln, gerade im Dienstleistungsbereich, die dazu verpflichteten Arbeitskräfte auf Dauer krank macht. >

© Andre Seifert, 2006
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