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Fernsehen bildet I - Die Castingkultur
Ein Alltagsfragment
Seite 3
Zum Standardrepertoire deutsche Promi-Talkshows gehört seit Jahrzehnten die obligatorische, austauschbare Schauspielerin oder anderweitig höherstehende Person meist weiblicher Ausführung, die begeistert von ihren Amerika-Aufenthalten schwärmt und insbesondere davon, daß dort jegliches Dienstpersonal viel freundlicher sei als hierzulande. Die amerikanische Kassiererin an sich sei eben ein viel freundlicherer Mensch als ihr deutsches Pendant und sie gebe einem als Kunde das gute Gefühl, daß sie wirklich dankbar für den Einkauf sei. Was der austauschbaren deutschen Schauspielerin dabei nie auffällt, weil es sie auch nicht interessiert, ist der Zwang zur Geste, dem die amerikanische Verkäuferin ausgesetzt ist. Es ist ein Lächeln der Angst. Die deutsche Schauspielerin erfreut sich daran, also hat es wohl doch sein Gutes. Sie wünsche sich diese Freundlichkeit auch hier, sagt die weltgewandte deutsche Schauspielerin.

Kolonen von Supermarktangestellten treten morgens zum Appel an. Der Drill Instructor, der einen Button mit der Aufschrift „Happy for our Customers“ trägt, stampft und klatscht in die Hände und brüllt die Kolone an: „Why are you here?“ - „Because we love it!“ Überwachungskameras kontrollieren, ob der Gesichtsausdruck auch immer schön sitzt. Sonst ist sie ganz schnell weg vom Fenster, die amerikanische Kassiererin. Ein Paradies, nur für deutsche Schauspielerinnen, die das Leben mit einem Boulevardmagazin verwechseln.

Zurück zum Frisör-Casting. Der Bericht hat irgendwann ein Ende und die Moderatorin blickt betroffen drein und kommentiert im Angesicht der bereits zuvor vom Reporterteam abfällig kommentierten vermeintlichen Unzulänglichkeit der Bewerberschar: „Unglaublich!“.

Die Botschaft: Kein Wunder, daß die jungen Leute keine Ausbildungsplätze bekommen - so dumm wie die sind. Die Moderatorin solidarisiert sich also mit jenen Vertretern der Wirtschaftselite in Parlament und einschlägigen Verbänden, die konstatieren, viele der heutigen Schulabgänger seien nicht ausbildungsfähig.

Warum denn bitte nicht? Hat man das schon einmal irgendeine Moderatorin fragen hören? Es werden dann Filmausschnitte gezeigt, die uns das Elend vor Augen führen sollen: Bewerbungsgespräche, bei denen junge Leute es nicht glaubhaft zu machen verstehen, daß ihr Lebenswille davon abhängt, bei genau dieser Firma arbeiten zu dürfen, die manche Rechenaufgaben nicht lösen können, deren geographisches Wissen nicht besonders ausgeprägt ist. Doch was sagt all das wirklich aus? Als ob sich einst im Wirtschaftswunderland irgendjemand dafür interessiert hätte, daß die Arbeiter optisch ansprechend und mit einer gewissen Allgemeinbildung daherkommen.

Ein Verdacht: Man will den jungen Menschen einfach keine Plätze mehr zur Verfügung stellen und wirft dies eigene Versäumnis den jungen Menschen selbst vor, die ja immer noch die Plätze brauchen, um leben zu dürfen. Es ist nicht mehr nötig, Zeit und Geld in die Ausbildung junger Menschen zu investieren, weil man ihre Arbeitskraft ohnehin nicht mehr braucht – also erklärt man sie gleich für unzulänglich.
Das Phänomen des Bewerber-Castings im Stile populärer Unterhaltungsshows ist nicht einmalig und auch nicht neu. Schon vor 2 oder 3 Jahren tat sich eine große Elektromarkt-Kette damit hervor. Und soweit ich mich erinnere, sollten die Kandidaten da sogar vorsingen oder Sketche vortragen.

Ich glaube nicht an den Mythos Ausbildungsunfähigkeit.
Wir wissen, daß persönliche Lernerfolge viel mit dem jeweiligen Maß an Betreuung zu tun haben, die das Individuum erfährt. Es bedarf zuweilen vielleicht mehr Zeit und Geduld, aber wie kann man nahezu ganze Generationen als unfähig abstempeln? Auf welcher Grundlage?

Weil sich manche noch weigern, so zu strahlen und so souverän daherzuparlieren, als seien sie der Moderatorenschar eines Boulevardmagazins entsprungen? Die sind die Castingvorlage, zusammen mit den erfolgreich aus den Casting-Shows hervorgehenden Menschmaschinen und den Schauspielsimulanten der Soap Operas. Viele Menschen sehen schon so aus wie diese Gestalten, nun sollen sie sich auch noch so aufführen. Und dabei immer schön lächeln.

Nachdem das Frisör-Casting vorüber war, wurden manche der Kandidaten auf der Straße noch einmal befragt – zu ihren Eindrücken und persönlichen Zielen. Die Menschen, die uns da vorgeführt wurden, bekamen für einen Moment ihre Würde zurück. Das waren keine zu nichts fähigen, dümmlichen Gestalten. Es waren einfach nur junge Leute, in ihrer Offenheit und Schutzlosigkeit liebenswert, die Träume haben, die in einem gesellschaftlichen Umfeld erwachsen werden müssen, das ihnen skeptisch und nicht selten feindselig gegenübersteht.>

© Andre Seifert, 2006
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