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Aus dem Leben eines Zwangsarbeiters,
Deutschland 2006
Ein Alltagsfragment
Wenn man Dich zur Zwangsarbeit schickt, dann sagen Leute, die Dich kennen:
„Das wird ihm schon nicht schaden.“
„Da soll er sich nicht so anstellen.“
„Das wird ihn nicht umbringen.“
Und das ist es, was Dich umbringt an der ganzen Sache – daß Leute so etwas sagen, die Dich kennen.

Und da gibt es Leute, die erinnern sich an Dich – noch von früher.
Leute, die mit Dir zur Schule gegangen sind.
Leute, die sich gut daran erinnern, daß irgendein Lehrer oder irgendeine Lehrerin vor langer Zeit
einmal gesagt hat, aus Dir würde etwas werden.
Über sie selbst hat das damals dieser Lehrer oder diese Lehrerin nicht gesagt.
Sie erinnern sich gut und haben ihr ganzes Leben darauf gewartet, es Dir einmal heimzahlen zu können.

Wenn man Dich zur Zwangsarbeit schickt, dann schauen nicht wenige dieser Leute gern dabei zu - und lachen.

Da stehst Du dann an der Hauptverkehrsstraße in Deiner kleinen Stadt in Deinem roten Overall, den man Dir angezogen hat, damit man Dich auch gut erkennt.
Und die Leute von früher, die mit Dir zur Schule gegangen sind, fahren an Dir vorbei in ihren praktischen Familienautos. Und manche hupen, zeigen mit eindeutigen Gesten ihre Schadenfreude und würden noch viel lieber auf Dich spucken, was sich nur selten einer traut.

Sammelst den Müll auf, den sie Dir hinwerfen.
Tja, das hast Du nun davon.

Nun haben sie die Familien und die Autos und die Arbeitsstellen, die sie vor Deinem Schicksal schützen und Du hast nichts davon und alle können es sehen.

Und es ist ein Freudenfest.

Man spekuliert auf den Tod, wenn einer erst einmal soweit ist, daß man ihn zur Zwangsarbeit schicken darf.
Man weiß, daß niemand es verhindern wird.

Dein Begräbnis wird ein anonymes sein. Man verdeutlicht damit noch einmal Deinen Wert.

auch als PDF-Version zu haben.
© Andre Seifert, 2006
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