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Die fremde Sprache einer Nacht
Ein freier Text
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Nun folgt eine Mitteilung aus dem offiziellen Popstarschrein: Die Sterne haben ihren Glanz verloren und es ist einfach nur noch traurig, hier zu sein. Mein ganzes Leben lang habe ich Idole verehrt und verklärte sie zu heroischen Gestalten - und jetzt plötzlich sehe ich das Verwundbare in ihren Posen; desillusionierte, gut fotografierte Menschen.

Stirb nicht. Die Gedanken eines Heiden beim Abendmahl. Stirb nicht. Ein letzter Flügelschlag.
Jeder Mensch braucht Erlösung. Das ist zuviel verlangt. Wir leben hier schließlich nicht im Schlaraffenland. Wer innehält hat schon verloren.
Ich kann nichts erklären. Tanz Tanz Tanz, kleine Schwester - auch Du wirst deinen Verstand noch verlieren. Sag was Du denkst: Schweige.

Es ist noch längst nicht alle Hoffnung verloren, sagte der Sensenmann. Und in einem kleinen Boot sagte er zum Seemann: Es war die Wirklichkeit, die Du sahst. Du bist krank und geschwächt und dein Verstand spielt dir Streiche, doch Du hast alles gesehen. Du sahst Menschen, die andere für ihre Gottheiten opferten. Du sahst Hyänen und Tiger, die sich gegenseitig verschlangen. Du kanntest einen Mann, der einen Krieg überlebte. Und drei Tage nach seiner Heimkehr wurde er von seinem Bruder ermordet - grundlos. Du hast so viele Begebenheiten miterlebt und dennoch hast Du nichts verstanden. Was Du gesehen hast, war die Wirklichkeit. Dieselbe Wirklichkeit, die Dich zuhause an deinen eigenen Küsten erwartet. Und als der Seemann das begriff, wollte er seine Menschlichkeit nicht mehr und warf sie über Bord. Doch als er dann dem Sensenmann sein Leben übergeben wollte, mochte der es nicht mehr haben.
So ist das mit dem Leben.

Wer singt jetzt für Dich? Ein Flüstern der Sehnsucht.
Jedes Bild hat seine Negativseite, denn neben dem Abgebildeten enthält es alles, was nicht abgebildet ist. Das Bild erschafft das Nichtbild, Licht erschafft Schatten.
Du malst ein Bild, das dein Leben zeigt, um dir über all das klarzuwerden, was darauf nicht sichtbar ist. Du nimmst dir deinen kleinen Notizblock und erfindest in Stichworten ein anderes Bild, eines über all das, was nicht dein Leben ist.
Du malst also nun das Gegenstück zu deinem autobiographischen Werk - und wie ein trotziges Kind schreibst Du darauf: Dies ist mein Leben.

Damals als Du noch ein Kind warst, hast Du immer gesagt, daß jeder Mensch ein Engel ist, der seine Flügel gebrochen hat und deshalb zur Erde fiel. Eine hübsche kleine Kinderidee, nichts besonderes. Trotzdem berührt mich die Erinnerung daran noch immer, obwohl ich es nicht ohne weiteres zugeben würde, würdest Du mir doch sicher Sentimentalität unterstellen. Es ist nur... manchmal nachts kann ich meine gebrochenen Flügel spüren. Ich glaube, dieses Gefühl ist dir nicht fremd - diese unangenehme Ahnung des menschlichen Defekts. Wenn ich daran denke, frage ich mich, ob Dir deine Kindergeschichte dann hilft. Schließlich hast Du das alles viel früher begriffen als ich.

Gib mir den Schlüssel zum Palast deiner Weisheit.
Gib mir den Schlüssel und befreie mich von der Unwissenheit,
die mein Herz regiert.
Mein Herz ist leer – raumlos.
Ein Vogel singt in seinem Käfig, singt.
Und die Vorhänge fallen nieder, rubinrot,
über deinem Schrein.
Stumm verklingt ein Lied von mir.
Ich brauche den Schlüssel zum Palast deiner Weisheit.
Gott ist nun ein Kriegerfürst, wie seine Jünger meinen.
Und die Engel zeigen neue Fratzen,
bringen Reime des Verlangens
und Botschaften von den kältesten Orten. >

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© Andre Seifert, 2006
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