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Die fremde Sprache einer Nacht
Ein freier Text
Seite 3
Vorsichtig habe auch ich einen Schrein für meine Seele erbaut.
Ein Refugium für alles, was noch heil in mir ist. Es ist mitunter schön am Leben zu sein. Schönheit existiert. Aber greifbar ist sie nicht - und erreichbar ist sie nicht. Schönheit existiert immer nur außerhalb, was Trauer zu einem existentiellen Zustand macht.

In der Trauer selbst liegt Schönheit.
Schönheit liegt in der Seele, aber die Seele selbst liegt immer außerhalb. Sie ist nicht eins mit dem Wesen des Menschen, denn dann würde das Leben sich selbst erfüllen. Ich würde nicht verlangen nach Dingen, die ich in mir selbst finden kann. Doch ich bin nicht hier, um Seelenfragmente zu verteilen. Ich sollte eine Geschichte erzählen.

Was sahst Du also in deinem Traum? Du warst nicht wirklich in anderen Welten. Du sahst deine eigene Welt jedoch aus einer anderen Perspektive. Selbst das soll ja gelegentlich vorkommen. Dieses eine Mal jedoch hattest Du keinen Einfluß auf das, was Du für die Wirklichkeit hieltest. Du bemerktest, daß Du nicht sprechen konntest.

Die Erklärung dafür lies nicht lange auf sich warten. Alle Wände in all den Häuserschluchten um dich herum waren damit tapeziert. Die Wände sagten es: Deine Generation hat keine Stimme.
Alles, was bleibt ist ein klägliches Flehen. Nein, deine Generation hat keine Stimme. Dabei müßte sie wütend aufschreien.
Aber Du selbst weißt, wie schwach und versiegend die Kräfte in dir sind, die deine Wut artikulieren könnten.

Du bewegst dich in einem unendlichen Raum- ohne zu fallen und ohne aufzuerstehen. Sind dies die Landschaften deiner Seele, die dir einen Einblick gewähren? Sind dies die Straßen der Städte, die dir ihren falschen Boden unter den Füßen weggezogen haben? Ich kann es dir nicht sagen. Wer wüßte es, wenn er sich an diesem Ort befände? Ein kalter Sturm hat dich erfaßt. Es ist kein Leben mehr in den Gesichtern, die an dir vorübergehen. Du kennst niemanden, nicht hier und auch nicht anderswo. Niemand ist dir nah. Natürlich hast Du Freunde. Du hast sogar Mengen davon.
Es ist ein Material, mit dem Du zu arbeiten hast.

Wer singt jetzt für Dich? Welche dunkle Sonne wirft ihre brennenden Schatten auf dich, dort wo Du jetzt bist? Du bist nicht der einzige Mensch an diesem Ort. Ich weiß, sie scheinen alle schon längst tot zu sein. Aber jeder von ihnen lebt so wie Du. Und für jeden von ihnen bist Du nichts als tot.

Ich weiß nicht, warum der Mensch sich so quälen muß, warum diese Bilder über ihn herfallen. Ich weiß nicht, ob es eine Erlösung vom Schmerz der Träume gibt. Die Botschaften von den kältesten Orten sind Bestien und Heilige zugleich. Sie unterscheiden sich darin nicht so sehr von ihren Empfängern.

Mit welcher Geschwindigkeit bewegst Du dich- ist es die Geschwindigkeit des Lichts oder die der Zeit? Worin liegt der Sinn deiner Bewegung. Du bewegst dich allein. Nichts nimmt Einfluß darauf, niemand kreuzt deine Bahnen. Du bist schön und Du bist allein. Ist dies ein Traum? Ist dies nichts als ein Traum? Diese Situation ist jedenfalls nicht eindeutig, auch nicht für mich. Wann ist diese Nacht denn endlich vorbei? Ich verstehe die Sprache nicht, in der diese Nacht uns ihre Geschichte zu erzählen versucht. Ich erkenne nicht einmal eine Geschichte darin.
Vielleicht ist das auch nicht das Ziel. Ich soll mich selbst erkennen, vielleicht. >

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© Andre Seifert, 2006
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