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Gespensterblicke I
Ein Essay
Seite 1
Der Fernseher plappert beiläufig Drohungen nach. Ein Heulen und ein Zähneklappern soll es bald geben. So äußert sich jedenfalls ein Regionalpolitiker im Rahmen der Regierungsbildung im deutschen Herbst 2005. Ich nehme an, ich werde davon betroffen sein.

Ein Kind schreit mich aus dem Fernseher an "Geh runter von der Bremse!". Es kommt mir so vor, als werde ich in letzter Zeit unablässig beschimpft.

Dann sagt mir ein Fernsehmoderator ins Gesicht, daß ich persönlich Deutschland sei. Ich bin mir nicht sicher, ob er mit seinem Finger auf mich zeigt, aber es fühlt sich so an, als würde er es tun. Es fühlt sich nicht so an, als sei der Fernsehmoderator mir wohlgesonnen.

Er meint wohl, ich sei schuld an irgend etwas, sonst würde er mich ja nicht zur Räson rufen.

Er selbst ist sich jedenfalls keiner Schuld bewußt, also muß es irgend jemand anderes sein, im Zweifel die anonyme Masse, der man nun mit einigem Nachdruck ein gesundes Volksempfinden nahelegt. Irgendein anderes öffentliches Gesicht plappert gut gelaunt eine uralte amerikanische Staatsparole nach, man solle nicht fragen, was das Land für einen tun könne, sondern danach, welche Opfer man gefälligst begeistert seinem Land, das einem doch nicht gehört, zu erbringen habe. Es ist immer noch der gleiche beabsichtigte Fehler darin enthalten, nämlich ein Land mit dessen Herrschaftsriege gleichzusetzen. Darin besteht die eigentliche Aufforderung: Verhalte Dich zum Wohlgefallen Deiner Könige. So schön hochglänzend die neuen Appelle daherkommen, an eine Volksseele gerichtet, von der man wenig konkrete Vorstellungen und für die man demonstrativ wenig Verständnis zu haben scheint, die Ideologie dahinter ist so alt wie es Herrschaftsverhältnisse zwischen den Menschen gibt und dementsprechend schal ist sie auch. Durchschaubar und längst durchschaut von jener unterschätzten Volksseele, die im Kosmos der vereinzelten Schicksale ohnehin nicht mehr als höchstens noch ein Schatten der grauenhaften Vergangenheit ist.

Und so demonstrieren Staat und Kapital, von dem die Unterhaltungsbranche ein besonders florierender Sektor ist, Eintracht im Angesicht des gemeinsamen Feindes, des Bürgers, der bloß ein braver Konsument sein soll, sowohl der Produkte der Wirtschaft als auch der Bedrohungen durch eine Politik, die sich deutlicher als je zuvor als willige Dienerin des Kapitals zu erkennen gibt. Da bedarf es eigentlich gar keiner staatlich unterstützten Kampagne im Stile von "Du bist Deutschland" mehr. Das Empfinden des eigenen Ausgeliefertseins ist ohnehin übermächtig. Ausgeliefert den Werbeagenturen und Unternehmensberatungen, die mit derlei Bombenmanövern gegen das schutzlose Volk, identisch im Denken ihrer jeweiligen leitenden Köpfe, eine seltsame Mischung aus Verachtung, zwanghafter Euphorie und Trunkenheit im Angesicht der eigenen Macht in die Endlosschleifen multiplizierter Meinungsgleichheit hinausschicken.

Macht bedeutet, sichtbar zu sein. Macht bedeutet, die Augen und Hirne der Menschen sicher im eigenen Griff zu glauben, auf Fernsehbildschirmen unablässig präsent zu sein mit den eigenen Menschenentwürfen, auch wenn man sich für die Menschen vor ihren armseligen Apparaten, die mehr Trost versprechen, als sie in Wirklichkeit zu geben bereit sind, nicht im geringsten interessiert. All jene Menschen, die nur noch ihre Apparate -Volksempfänger einer scheinbar fröhlichen Natur - haben, sind unsichtbar und bleiben ungehört, ganz im Gegensatz zu den Medienfiguren, die durch solch aufmunternde Kampagnen tölpeln und dabei von ihrer eigenen Rolle im System scheinbar nichts begreifen wollen. Die lächelnden Gesichter von Fußballmillionären und ihrer eigenen Prominenz verfallenen Journalistinnen, was gehen sie mich eigentlich an? >

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© Andre Seifert, 2006
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