Doch man ist unsichtbar. Vor allem bleibt man ungehört.
Die ultimative Deklassierung der Unsichtbaren fand wohl mit den Eskapaden des sogenannten Unterschichten-Fernsehens statt. Im öffentlichen Bewußtsein wurde ein Bild des archetypischen Menschen am Rande der Gesellschaft verankert, welches sich aus den Eindrücken aus medialen Zirkusveranstaltungen wie den sogenannten Daily Talkshows und Infotainment-Formaten speiste, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, jene "einfachen" Menschen bloßzustellen und ihre Existenz abfällig zu kommentieren. Das kreierte Bild: Der asoziale Mensch in Deutschland - was nichts weiter bezeichnen soll als einen Menschen, der keiner geregelten Berufstätigkeit nachgeht - ist geschmacklos gekleidet (wahlweise in Traininganzug, Leggings oder sonstigen Polyesterexzessen), neigt zur Vermüllung seines Lebensraums, ist phlegmatisch und ungebildet.
Die Medien wollten auch hierzulande einmal ihre Schöpferkraft unter Beweis stellen und importierten einfach die Schablone des sogenannten "White Trash", mit der das amerikanische Fernsehen den weniger glücklichen Teilen der dortigen Gesellschaft seit Jahrzehnten einzureden versucht, nur Müll zu sein. Vom hochgradig rassistischen Hintergrund dieser Wortschöpfung sei hier einmal abgesehen. Man zerrt Menschen in ein grausames Licht, führt sie vor und macht sie gleichsam zum Abziehbild des gesellschaftlichen Übels, welches freilich nur menschlicher Art und selbstverständlich nur abseits der Macht verortet sein kann. Sichtbarkeit als Individuum würde etwas anderes bedeuten. Es würde zunächst einmal ein Mindestmaß an Respekt gegenüber dem Objekt der Darstellung voraussetzen.
In vorauseilendem Gehorsam halten sich jedoch die meisten schon von sich aus im Verborgenen auf. Ich weiß nur zu gut, daß ich unter die Kategorie des nicht lebenswerten Lebens falle, ein Fall für jene Arten von Sterbehilfe, die in den nächsten Jahrzehnten aller Wahrscheinlichkeit nach zu unserem Alltag gehören werden. Denn das Bewußtsein, daß Menschen wie ich vor allem andere Menschen Geld kosten, wird in die Hirne dieser anderen Menschen bereits sorgfältig eingespeist. Sichtbar ist nur die Masse, zu der man selbst gehört - jene Masse die derzeit nur zu gern beschimpft wird. Es sind andere Köpfe, die sprechen. Die Beschimpfung der Masse wird gern in der Sabine Christiansen-Show verteilt, jener legendären sonntäglichen Volksverschreckungszeremonie.
Die Hände machen sich Menschen, die wahre Vernichtung verteilen, nur selten an anderen schmutzig. Menschen werden vernichtet jeden Tag im Land, das uns anschreit "Du bist Deutschland". Es beginnt im Kleinen - in Klassenzimmern, es geht weiter in Büros und Hörsälen der Universitäten, es ist nicht anders in Lehrbetrieben, auf Ämtern und Behörden. Orte, an denen Macht zelebriert und am wehrlosen Objekt gern demonstriert wird. Es geht um die Vernichtung von Lebensmöglichkeiten. Es geht um Sadismus.
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