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Gespensterblicke I
Ein Essay
Seite 5
Sollte diese Gesellschaft wirklich etwas gegen die Zerstörung von Seelen unternehmen wollen, sollte sie dafür sorgen, daß sämtliche Autoritätspersonen aller Bereiche zur Teilnahme an Menschlichkeits-Workshops verpflichtet werden.1 Das ist eine Utopie, eine auf den ersten Blick lächerliche Idee mit alltagsbezogenem Hintergrund. Schließlich gibt es unendlich viele Formen von Seminaren und Kursen zur Selbstverbesserung: Man kann in solchen Kursen etwa das Lachen erlernen oder sich die positive Ausstrahlung mühsam erarbeiten, die es heute angeblich braucht, um im Beruf und damit also im Leben bestehen zu können. Der Menschlichkeits-Workshop ist nun ein Gegenmodell zu jener Kultur des sogenannten "Self-Modeling" und "Self-Improvement" an Körper und mangelndem Geist. Denn die Menschlichkeit scheint den sich selbst optimierenden willigen Konsumenten der medial propagierten Menschensimulationen abhanden zu kommen. Zumindest das Bewußtsein der eigenen Menschlichkeit, die Verwundbarkeit und Fehlbarkeit impliziert, scheint oftmals zu fehlen, was die gegenwärtigen öffentlichen Diskurse zu gesellschaftlichen Themen nahelegen. Allein der überhebliche Zynismus, den mein kleiner Vorschlag bei den meisten Zeitgenossen unweigerlich hervorrufen wird, sagt einiges über die Verfasstheit dieser Gesellschaft aus. So ist mein kleiner Vorschlag zunächst einmal ein Spiegel.

So lächerlich scheint die Idee, es könnte ein "Zielpublikum" in diesem Land geben, das sich doch tatsächlich für etwas anderes interessieren könnte, als sich selbst den Anforderungen des Systems entsprechend zu optimieren. Ich hingegen weigere mich, den Glauben aufzugeben, daß es immer noch zahllose Menschen gibt, die einfach nur durch dieses Leben kommen wollen, ohne dabei ihre Würde aufgeben zu müssen. Ich bin einer von ihnen. Dabei habe ich sie längst verloren, - in Klassenzimmern, in Hörsälen, in Fluren, Wartezimmern, in Büros - in Straßenbahnen und Zügen, in Kaufhäusern, in Cafés.

Ich will meine Würde zurück.

Auch wenn ich weiß, daß es durchaus zahllose Menschen gibt, die genau darin ihr Vergnügen und daher auch oft ihren Beruf finden, so glaube ich dennoch nicht, daß es ein menschlicher Urtrieb ist, andere zu demütigen und "in ihre Schranken zu verweisen" - sie also klein zu halten - , sondern daß es sich bei diesem angeblichen Grundbedürfnis, wie bei so vielen anderen, in erster Linie um Propaganda der herrschenden Ordnung handelt, die den ewigen Konkurrenzkampf den Menschen so gekonnt ans Herz gelegt hat, daß sich selbst die scheinbar privatesten Lebensbereiche darin nicht wesentlich von den Gesetzen des freien Marktes unterscheiden. Zwischenmenschliche Beziehungen sind für Viele zu bloßen Aufstiegsmöglichkeiten verkommen, wobei es um die Erlangung einer guten Außenwirkung und daraus resultierender "Career Options" geht, sei es auf dem freien Markt der Arbeit oder dem freien Markt der Beziehungen.

Man braucht nur einmal einen Blick auf die Leserbriefe zu werfen, die bei führenden Magazinen zu Themen eingehen, die das Zusammenleben in dieser Gesellschaft betreffen.

Da schimpfen unablässig fleißige Arbeitsbienen und Selfmade-Wohlständler auf das angeblich faule, dumme Pack, das den so geliebten Wirtschaftsstandort zerstöre. Da bezichtigen Lehrer ihre Schüler der menschlichen Minderwertigkeit, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ein solches Urteil könne Rückschlüße über die eigene Verfassung zulassen. Es manifestiert sich ein übermächtiger Hass gegenüber allen, die nicht so funktionieren, wie es von ihnen verlangt wird. Viele hassen aus Eitelkeit, um mit ihrem Hass zu unterstreichen, daß sie über den Gehassten stehen.

Diese Gesellschaft verpflichtet gern Menschen zu vielem, am liebsten jene, die sich nicht wehren können. Diese Menschen sollen durch ständige Selbsterniedrigung beweisen, daß sie doch so gern dazu gehören würden, die tausendste Bewerbung schreiben, sich das tausendste Mal anhören, daß man sie nicht gebrauchen kann und auch nicht anderweitig haben will in diesem Land. "Brav" denkt man dann in Ämtern, die über Leben entscheiden und wirft den Menschen ein paar Almosen hin.

Dafür muß man den Menschen schon einiges zumuten dürfen, denkt man sich da. "Das Kriechen wird ihnen schon nicht schaden.", "Da werden sie sehen, wo ihr Platz ist.", denkt man sich da. Und wie an so zahllosen Stellen, an so vielen Schranken in diesem Land denkt man sich "Das muß man eben so machen."

Man wäscht sich die Hände gern in Unschuld, man erfüllt ja nur seine Pflicht, was in diesem Land als weniger schlimm gilt, als wenn man eine Grausamkeit aus eigenem Antrieb beginge. < >

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© Andre Seifert, 2006
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