Sollen weiterhin wie am Fließband zerstörte Menschen produziert werden, oder will die Gemeinschaft über Menschen verfügen, die all jene Fähigkeiten und Eigenschaften besitzen, die sich diese Gesellschaft von allen Menschen wünscht?
Daß eine Gesellschaft über mich verfügt, kann ich als Individuum nicht verhindern. Sie kann mich zu Abschaum erklären, ganz wie es ihr beliebt. Sie kann beliebig mit mir verfahren. Darauf habe ich keinen Einfluß.
Das Problem ist, daß zerstörte Menschen nicht mehr dazu in der Lage sind, den viel beschworenen Anforderungen der neuen Zeit gerecht zu werden.
Diese Gesellschaft wünscht sich, daß ein jeder wieder den Glauben an alte Märchen zurückerlangt, in denen jeder angeblich seines eigenen Glückes Schmied ist. Nur wenn die Menschen das wieder glauben, sind sie auch dazu bereit, sich über jedes Maß der Vernunft hinaus zu schinden um damit am erreichbar erscheinenden Traum vom eigenen Glück zu stricken. In Gesellschaften, denen die Prinzipien des Kapitalismus noch nicht so lange vertraut sind, mögen diese Träume noch eine zeitlang funktionieren, noch nicht entlarvt von Erfahrungen des Scheiterns der Träume über Generationen hinweg. Vielleicht rührt daher der von der Wirtschaft allseits gerühmte Fleiß der Arbeiter in den asiatischen Tigerstaaten.
Wenn man Menschen zerbricht, mittels psychologischer Kriegsführung ihre Schutzbefohlenheit und Abhängigkeit ausbeutet, wie es in Schulen, Universitäten, Arbeitsstätten jeden Tag geschieht, bleiben jenen Menschen keine Träume mehr, denen sie hinterherzujagen gewillt wären. Die Abfolge der Erniedrigungen, welche die Sozialisation in dieser Gesellschaft bereithält, kann nicht ohne Auswirkungen bleiben. Sozialisation bedeutet Brechung.
Diese Gesellschaft könnte sich daran erinnern, daß es noch andere Utopien als unendliches Wirtschaftswachstum und Vollbeschäftigung gibt. Eine möglicherweise sinnvollere Utopie wäre das Streben nach einer Gesellschaft, die jedem Menschen einen Wert zuerkennt, der sich nicht an der Kaufkraft des Individuums orientiert. Eine Gesellschaft anzustreben, die jedem Menschen die Gewissheit vermitteln kann, einen Platz in dieser Gesellschaft zu haben und geschätzt zu werden. Statt dessen durchstöbern Beamte Privaträume, Schutzzonen, auf der Suche nach vermeintlichen Schätzen, welche die Menschen, einmal der monetären Gnade des Staates ausgeliefert, möglicherweise vor dem Staat verheimlichen könnten.
Dieses Land ist vielleicht wie kein zweites auf dieser Welt fest im Griff jener körperlosen, austauschbaren und daher in nahezu endloser Vervielfältigung auftretenden Stimmen, die den Menschen immer nur sagen können "Du bist nicht gut genug", "Du wirst hier nicht gebraucht", "Du bist hier fehl am Platz". Diese Stimmen führen eine eigentümliche Schattenexistenz in Schulen, Universitäten, Personalbüros, auf Ämtern. Die Gesellschaft scheint sich dieser Stimmen nicht wirklich bewußt zu sein, obwohl sicher die meisten Menschen schon mehr als genug Erfahrung mit besagten Stimmen gemacht haben.2
Ich möchte jene Stimmen nicht an konkreten Menschen oder Gruppen festmachen, weil es mir viel eher um die Strukturen geht, welche ich mit diesen Stimmen bezeichnen möchte. Es geht um Strukturen der Ausgrenzung und Abwertung, die in dieser Gesellschaft im Zuge der vermeintlichen neuen Wirtschaftskrise verstärkt an Zerstörungskraft gewinnen. < >