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Gespensterblicke I
Ein Essay
Seite 7
Wo wird der Wert des Menschen schon früh zugeteilt? In den Schulen. Da werden die Gespenster geboren. Statt auch nur einmal Humanismus zu wagen, setzen die verantwortlichen Instanzen nicht auf ein auf Unterstützung ausgerichtetes Bildungssystem, um dem Druck der Wirtschaft entgegenzusteuern. Man beteiligt sich weiterhin, bewußter als je zuvor, als freiwillige Vorsortierungsanstalt für die spätere kapitalistische Verwertung. Die jenem Bildungssystem unterworfenen Menschen ahnen dies natürlich, spätestens wenn die eigene Bedrohung durch dieses System deutlich erfahren wird. Die Gewaltexzesse an deutschen Schulen deuten darauf hin, die medial ausgiebig dokumentierten Fälle tödlicher Amokläufe haben indes die eindeutige Aussage, daß das Bewußtsein, aufgrund feindseliger Bewertung der eigenen Person durch staatlich autorisiertes Sortierungspersonal, in diesem Fall in Gestalt von Lehrern, keine Chancen mehr auf ein anerkanntes Leben in dieser Gesellschaft zu haben, eine Grundlage solcher Verzweiflungstaten bildet. Natürlich sagen dann die Stimmen, die sich in solchen Fällen gern einmal als Menschen verkleiden, man trage keine Schuld und sei ja schließlich auch nicht für alles verantwortlich zu machen.

Wie könnten die zahlreichen Konfrontationen mit Lehrern, Lehrerinnen und sonstigen staatlich befugten Autoritätspersonen, die man zum Ende der Schulzeit hinter sich hat, kein tiefsitzendes Bewußtsein des Missbrauchs von Machtverhältnissen in sozialen Interaktionen erzeugen? Autoritätspersonen, die häufig ein lebhaftes Interesse daran zeigen, Menschen durch die ihnen zur Verfügung stehenden Raster fallen zu lassen. Die Schule, die auf das Leben vorbereitet, ist ein Märchen. Die Schule bereitet insofern auf das Leben vor, als sie die jungen Menschen schon einmal ordentlich zermalmt, in Vorbereitung auf die Demütigungen, die ihnen der spätere Bewerbungsprozeß noch zu bieten haben wird.

Angst greift um sich, übermächtige Angst. Sie breitet sich aus wie eine Seuche.
Der Defekt, der mir zugeschrieben wird, verhindert meine Mitgliedschaft, meine Komplizenschaft. Der Makel provoziert Reaktionen meist herablassender, immer autoritärer Art, die meinen Blick schärfen, wobei das Ausgesperrtsein mit jeder Konfrontation unabänderlicher, der mir zugeschriebene Defekt irreparabler wird.

Ich sehe, ich erfahre und ich vergesse nicht. Ich schaue von außen auf das, was das richtige, anständige, ehrenwerte Leben genannt wird. Es erfüllt mich nicht mit Sehnsucht.
Es wird sich immer jemand finden, der jemandem, der es wagt, etwas auszusetzen, vorhält, dies sei doch das Paradies, verglichen mit dem Leid der Welt. Deshalb darf man sich nicht beschweren. Das gehört sich einfach nicht.

Die Medienfiguren versprechen Ablenkung, die sie dann doch nicht bieten. Statt dessen zeigen sie mit dem Finger auf das Publikum und befehlen "Verbessere Dich!" Die Moderatorin eines Boulevardmagazins verspricht fast jeden Tag zu Beginn ihrer Sendung noch haarsträubendere Fallbeispiele von "Sozialschmarotzern", gar von "Sozialbetrügern" ist die Rede, womit natürlich keine Konzernvorstände, sondern die Empfänger geringerer Beträge staatlicher Unterstützung gemeint sind.

Vielleicht könnte der Staat ja doch ein reales Interesse daran haben, daß die ihm gehörenden Menschen nicht gebrochen werden, zumindest nicht vor ihrer Zeit - bevor sie nutzbringend verwertet sind? Vielleicht könnte ja auch die Gesellschaft als Ganzes ein Interesse daran haben, daß die Menschen zu seelisch starken Individuen heranreifen, anstatt von Beginn an auszusieben und auszugrenzen? Denn verwerten will sie schon möglichst viele - und die sollen ja stark und leistungsfähig sein, was ein gewisses Maß an seelischer Unversehrtheit voraussetzt. < >

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© Andre Seifert, 2006
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