Man braucht nicht auf die vor einiger Zeit brennenden Vorstädte in Frankreich zu schauen.
Die Ausgrenzung einer ganzen Generation zeichnet sich hierzulande ab. Es ist längst kein reines Migrationsphänomen mehr, daß junge Menschen keinen Platz in dieser Gesellschaft finden. Es betrifft alle sozialen Gruppen, alle Bildungsschichten. Das Signal der Wirtschaft an die junge Generation, die in der Arbeitswelt Fuß fassen will, lautet "Ihr werdet nicht gebraucht". Ob junge Akademiker auf die Ausbeutung in unter- oder gar unbezahlten Praktika hoffen dürfen oder noch jüngeren Schulabgängern gar nicht erst die Ausbeutung im Rahmen eines Lehr- oder Ausbildungsverhältnisses in Aussicht gestellt wird, beides sind Signale der Verachtung gegenüber dieser jungen Generation.
Gleichzeitig redet die Politik unablässig von der drohenden Überalterung dieser Gesellschaft, was in den Ohren der jungen Generation, die endlich am respektierten Leben innerhalb dieser Gesellschaft teilhaben will und kaum Chancen dazu erhält, wie blanker Hohn klingen muß. Daß die Politik sich gesellschaftliche Integration und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum nur über die verpflichtende Teilnahme der Menschen am Erwerbsleben vorzustellen bereit ist, hat sie nicht zuletzt mit jenen Reformen deutlich gemacht, die sie peinlicherweise nach ihrem offenkundig fragwürdigen Urheber benannt hat.
Ob es zwangsläufig zur Verschärfung von Ausgrenzung und zur künstlichen Erzeugung massenhaft auftretender individueller Notsituationen führt, wenn Wirtschaftseliten Staatspolitik entwerfen? Künstliche Notsituationen deshalb, weil die Wirtschaft auf dem Rücken ihrer so ungern Beschäftigten nach wie vor enorme Reichtümer anhäuft, welche jedoch nicht der Mehrung des gesellschaftlichen Wohlstands zur Verfügung gestellt werden. Statt dessen werden all jene Menschen, die aus mannigfaltigen Gründen keinen der immer knapper werdenden Plätze auf dem zugehörigkeitsstiftenden Arbeitsmarkt ergattern können, von einer Koalition aus Massenmedien, Wirtschaft und Politik zu Ausbeutern erklärt, zu Gesindel. Das Wort ist in der deutschen Diskussion noch nicht gefallen, aber es könnte durchaus bald irgendein Unternehmensvorstand oder ein Politiker aus der zweiten Reihe damit hervorpreschen.
Es könnte ein Segen für alle Menschen in diesem Land sein, wenn endlich die Überlebens- und Entfaltungsmöglichkeiten vom Kampf um die immer weniger werdenden Arbeitsplätze entkoppelt würden, die Gesellschaft somit der Unerreichbarkeit der Utopie der Vollbeschäftigung Rechnung tragen würde - einer Utopie, die ohnehin den Lebensentwürfen der Menschen im Zeitalter der robotisierten Arbeit nicht mehr dienlich ist und nur noch als effektives Unterdrückungswerkzeug aufrechterhalten wird, was am Beispiel der 1-Euro Jobs und der lebhaften Ausbeutung der auf diese Art Zwangsverpflichteten durch öffentliche Auftraggeber deutlich wird, die im Zuge dieses ihnen sehr entgegenkommenden Angebots nicht mehr bereit sind, Menschen auf anständige Weise für deren wertvolle Arbeit zu entlohnen. Es gibt durchaus alternative Konzepte um der gegenwärtigen Ausprägung der Globalisierung auf gesellschaftlicher Ebene konstruktiv zu begegnen, etwa mit der Idee des Bürgergeldes, auch Grundeinkommen genannt, welches die Bürger vom Zwang der Selbsterniedrigung im Kampf um nicht vorhandene faire, angemessen entlohnte Arbeit enthebt und ihnen somit einen grundsätzlichen gesellschaftlichen Wert als Mitglied einer Gemeinschaft zuerkennen würde. Vor allem würde ein solches Grundeinkommen den sogenannten "einfachen" Menschen den Rücken stärken, sie in eine bessere Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt bringen. Bewerbungsgespräche hätten dann nicht mehr die Rollenverteilung des Bettelnden, auf Gnade Angewiesenen auf der einen und des Vertreters des feudalen Konzerns, der ein Lebensrecht gewährt, auf der anderen Seite. Der begutachtete Mensch könnte sich endlich die Freiheit nehmen, zu sagen "Das habe ich nicht nötig. Das muß ich mir nicht mehr bieten lassen."
In der deutschen Debatte kamen solche Begriffe bisher allerdings nur am Rande, abseits massenmedialer Multiplikation vor. Wenn wie jüngst der Bundespräsident einmal jemand einen Anstoß in diese Richtung unternimmt, dann verhallt es ohne großes Echo. Die deutsche Herrschaftselite bevorzugt es bisher, die Globalisierung als ständige Bedrohung wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der Menschen schweben zu lassen.
Jede sogenannte Reform, - viele davon haben bloßen Erniedrigungscharakter -, wird in den Staatspolitik rechtfertigenden Talk-Shows auf jene ominöse Globalisierung geschoben. "Das müssen wir leider so machen, auch wenn es uns selbst am meisten schmerzt. Aber ihr müßt schon verstehen, liebe Opfer, die Globalisierung läßt uns keine Wahl." Damit macht es sich die Politik entschieden zu einfach. < >