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Gespensterblicke I
Ein Essay
Seite 9
Es braucht einen breiten Diskurs über diese sehr enge, starre Definition von Leben, die von der Koalition der etablierten Besitzenden zur einzig gültigen Maxime und Existenzberechtigung der Menschen in diesem Land erklärt worden ist, schon vor so langer Zeit und so nachdrücklich, daß die meisten Untergebenen scheinbar gar nichts schlimmes mehr daran finden wollen.

Wenn demokratisch-parlamentarische Politik nur noch in Konsens und parteiübergreifender Gläubigkeit an längst überholte Gesellschaftsmodelle bei gleichzeitiger Unterwürfigkeit gegenüber sämtlichen Forderungen der Wirtschaft besteht, ist es an der Zeit für eine starke außerparlamentarische Opposition, die dem Wunsch der Menschen, ein würdiges, respektiertes Leben zu führen, Rechnung trägt und die viel beschworene Alternativlosigkeit als Ideologie brandmarkt.

Eine Bewegung der Gespenster.

Denn in Frieden lassen können sie die Menschen, die sie doch ohnehin nicht im herkömmlichen Beschäftigungssinn verwerten wollen, einfach nicht. Die ständigen Beschimpfungen der Bevölkerung durch die Herrschenden in Politik und Wirtschaft, verbreitet und unterzeichnet von den Massenmedien, wirken wie kindliche Enttäuschung darüber, daß man mit den Dingen, in diesem Fall den Menschen, die man nicht besitzt, auch nicht spielen kann. Also wertet man die Dinge oder Menschen ab, die man nicht besitzt.

Die Menschen besitzt man über den Umweg des Staates natürlich dennoch, aber obwohl man ihnen gar keine Plätze zur Verfügung stellen will, in denen sie zur Bereicherung der Konzerne beitragen können, so wirft man dies eigene Versäumnis eben jenen Menschen vor, denen man keinen Platz einräumt. Wert schöpfen im einzig gültigen, dem finanziellen Sinne, kann man aus diesen Menschen dann nur über Kürzungen der staatlichen Almosen, was gern und häufig praktiziert wird, immer mit dem subtilen unausgesprochenen Hinweis verbunden, die Empfänger jener Almosen könnten sich immer noch glücklich schätzen, nicht in einem Land zu leben, wo die Wertlosen gleich vor Erschießungskommandos geführt werden.

Das ist was ich sehe. Dies ist der Ort.

Das ist was Gespenster sehen, - jene, die weder teilnehmen können noch teilnehmen dürfen, nicht zugehörig sind zur Gemeinschaft jener noch so Bezeichneten, denen man den Status Mensch auf der Grundlage ihrer Funktion als Stütze der wirtschaftlichen Profitmaximierung zuerkennt. Verwerten will man uns, verwertet wollen wir werden, sonst sind wir in dieser Gesellschaft völlig ohne Wert, ohne Berechtigung. Sind wir noch Menschen?

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© Andre Seifert, 2006
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