Der gebräuchliche Begriff der Mediendemokratie weist auf einen engen Zusammenhang der beiden Bereiche der Medien und der politischen Sphäre hin. Dabei ist dieser Begriff durchaus mehrdeutig: Vordergründig wird damit die alltägliche Interaktion dieser beiden Sphären bezeichnet, die zur Verbreitung von Politik über die Massenmedien eben notwendig ist. Darüber hinaus verdeutlicht der Begriff der Mediendemokratie jedoch auch die Machtposition der Massenmedien und die Angewiesenheit des Politikers auf diese Medien.
Was Mediendemokratie aber auch bedeuten kann, zeigen Beispiele aus anderen Ländern: In Italien sicherte sich Regierungschef Silvio Berlusconi nicht zuletzt durch die wohlgesonnene Berichterstattung in den Fernsehsendern und Zeitungen seines eigenen Medienimperiums die Unterstützung der Wählerschaft, in den USA wurde die in der Bevölkerung zunächst weit verbreitete Unterstützung des jüngsten Irak-Krieges nicht unwesentlich durch eine suggestive und teilweise unseriöse Berichterstattung regierungsnaher Medien geschürt.
Aber auch in Deutschland ist die Verbindung von Politik und Medienbrache nicht allein auf der Basis der offenen Interaktion angesiedelt. So ist es beispielsweise zwar Allgemeingut, daß die Presse des Axel-Springer-Verlags traditionell dem konservativen Lager verbunden ist, aber als offizielles Parteiblatt mochte sich die Bild-Zeitung bisher dennoch nicht präsentieren.
Die gerade in der amerikanischen Tradition klassische Rolle der Medien als „Wachhund der Demokratie“, also als unabhängige aufklärende Instanz für die Bevölkerung, scheint durch die finanzielle Beteiligung von Parteien, einzelner Politiker oder parteinaher Funktionäre an Organen der Massenmedien gefährdet. Neben Ideologie und Richtungstreue spielen auch Motive der Abhängigkeit eine Rolle im Hinblick auf die Form der Berichterstattung.
Es zeigt sich, daß die Massenmedien kein neutrales Feld sind, in dem die Meinungen und Erkenntnisse der Akteure als auch der Konsumenten mit offenem Ausgang reifen könnten.
Bereits in der ursprünglichen Theorie der Kulturindustrie von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wird der Zusammenhang von Unterhaltungsbranche und Wirtschaft analysiert.
Dort wird die Kulturindustrie als ein Motor gesellschaftlicher Integration beschrieben, der den Menschen ihre fremdbestimmten Möglichkeiten und Beschränkungen vor Augen führt und diese damit zum sich Einfügen in die herrschenden Verhältnisse einlädt, wobei auch praktisch gar keine Möglichkeit der Verweigerung besteht.
Diese Art der Integration durch das Aufzeigen unhinterfragter Gegebenheiten ist jedoch nicht allein im Bereich der klassischen Unterhaltungsindustrie anzusiedeln.
Gerade in den sich als seriös darbietenden Medien findet die Abbildung der real existierenden Herrschaftsverhältnisse statt, was nicht zwangsläufig mit dem Informationsauftrag des seriösen Journalismus verbunden ist. Neben der bloßen Abbildung von Gegebenheiten bietet der Journalismus auch die Möglichkeit der Analyse und der kritischen Auseinandersetzung. In welchem Umfang diese Möglichkeiten genutzt werden, läßt Rückschlüsse über die jeweilige gesellschaftliche Positionierung eines Mediums zu.
Wenn die gegenwärtige Reformpolitik in weiten Teilen der Presse Unterstützung findet, so spricht das nicht in erster Linie für die gern behauptete Unausweichlichkeit dieser Politik, sondern es zeigt auch, wie sich die jeweiligen Medien zur Gesellschaft positionieren.
Selbst wenn ein Politiker scheinbar ungefiltert im Fernsehen seine Aussagen verbreiten kann oder auch für die Printmedien interviewt wird, spielt das jeweilige Setting eine nicht unerhebliche Rolle.
Der im Umgang mit den Medien erfahrene und mittlerweile auch häufig geschulte Politiker kennt zwar rhetorische Kniffe, um unangenehmen Fragen auszuweichen oder auch seine Aussagen möglichst aussagefrei zu halten, aber in der Regel wird er sich in Interviewsituationen an den gestellten Fragen orientieren müssen. Zwischen Interviewern und dem jeweils interviewten Politiker besteht also eine Interaktion, wobei der Interviewer nicht als eine Art urteilsfreie Fragemaschine betrachtet werden kann. Die Fragen bestimmen zu einem Teil, in welche Richtung ein Interview sich bewegt, welches Bild der zu verhandelnden Thematik gezeichnet wird.
Im Fernsehen ist diese Form der journalistischen Einflußnahme besonders offensichtlich, beispielsweise zeigt sich hier regelmäßig, daß die Zusammensetzung einer Talkrunde nicht unerheblich zu deren möglicherweise bereits vorher feststehendem Ergebnis beiträgt. Auch die Reaktionen des interviewenden Journalisten lassen sich im Fernsehen besser beobachten, als dies im Falle von Printmedien möglich ist: So kann man beispielsweise studieren, wie schnell sich eine Gastgeberin einer politischen Runde mit den Aussagen eines Gastes zufriedengibt oder ob sie nachfragt, was Rückschlüsse über die politische Haltung der Gastgeberin zuläßt.
In Print-Interviews ist die Dimension des spontanen Handelns des interviewenden Journalisten für den Leser nicht mehr eindeutig zu entschlüsseln, weil auch nicht immer ersichtlich ist, ob ein bereits vorher feststehender Fragenkatalog ohne Abweichungen durchgegangen wird oder inwieweit sich Modifikationen in der Fragestellung aus dem Gespräch ergeben. Was den Bereich der Print-Interviews mit Politikern jedoch interessanter erscheinen läßt als deren Reisen durch die diversen Polit-Talkshows ist die Macht des gedruckten Wortes. Zwar hat das auf Film festgehaltene Wort im Streitfall die höhere Beweiskraft, aber für eine schriftlich festgehaltene Äußerung kann ein Politiker in der Regel keine Affekthandlung geltend machen. Das Publikum kann davon ausgehen, daß die Worte eines Politikers, die er den Interviewern eines Magazins oder einer Zeitung diktiert, wohlüberlegt sind und nicht bloß im Eifer eines Gefechts zum Besten gegeben werden.
In jedem Fall ist es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß im Bereich der alltäglichen Interaktion von Politik und Medien, die Vertreter der politischen Sphäre niemals auf ein neutrales Feld treffen. Die Massenmedien sind mehr als ein schlichtes Sprachrohr der politischen Elite zumindest ist es Teil ihres gesellschaftlichen Auftrags, mehr als das zu sein. Wenn sich weite Teile der Massenmedien jedoch dazu entschließen, simples Sprachrohr der politischen oder auch einer anderen Elite zu sein, so ist das keinesfalls ohne größere Bedeutung und es muß dann nach möglichen Motivationen gesucht werden. >