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Ein Essay
Leseprobe:III. Naturalisierende Darstellungen als Begründungsmuster für politische Reformvorhaben
Die Analyse der öffentlichen Kommunikation der politischen Elite zur Vermittlung der gegenwärtigen Reformpolitik findet nicht zum Zweck der Entscheidung darüber statt, ob diese Politik der richtige Weg sei oder ob es faktisch denn wirklich keine Alternative zu dieser Politik gebe. Der kontinuierliche Streit in der öffentlichen Debatte, sei es in den Printmedien oder auch in den Talkshows, ob dieser eingeschlagene Reformweg der richtige sei oder nicht, übersieht, daß das Richtige als absolute Kategorie in der politischen Entscheidungsfindung nicht taugt. In der Konkurrenz mitunter vielfältiger Interessen kann das Richtige nur eine relationale Argumentationsfigur sein.

Naturalisierende Darstellungen dienen dem Zweck, eine Kommunikationsbasis herzustellen, die der argumentativen Auseinandersetzung nur beschränkt zugänglich ist. Als typische Botschaft einer naturalisierenden Darstellung könnte man in etwa formulieren: Es gibt diesen oder jenen Sachverhalt, an dem es nun wirklich nichts zu rütteln gibt. Gewicht gewinnt eine konkrete naturalisierende Darstellung dadurch, daß sie von einer möglichst großen Anzahl von Akteuren des öffentlichen Diskurses vertreten wird.

Das gegenwärtig augenfälligste Beispiel ist die Verwendung des Globalisierungsbegriffs in der Debatte um die Arbeitsmarktreformen in Deutschland. Die Globalisierung wird hier als ein relativ inhaltsloses Faktum vorausgesetzt, das eigentlich Gemeinte wird also häufig nicht einmal konkretisiert, der Begriff allein reicht schon als Argument. In Folge der allgegenwärtigen reflexartigen Beschwörung des so selbstverständlichen und gleichzeitig so bedeutungsleeren Kampfbegriffs, kann über diese Globalisierung nur noch sehr eingeschränkt verhandelt werden, weil sie sich der Wahrnehmung derjenigen, die sich der öffentlichen Meinungsbildung mehr oder weniger intensiv aussetzen, als Basis der Kommunikation und nicht als Verhandlungsgegenstand aufzwingt.

In den zitierten Äußerungen der interviewten Politiker findet ein häufiger Bezug auf Fakten, sogenannte Notwendigkeitszwänge und auf bestimmte Prämissen statt, wie „ein selbstbestimmtes Leben ist nur mit Arbeit möglich“ und „Die Globalisierung zwingt uns zu diesem und jenem“.

Es besteht also eine spezifische Grundlage, auf deren Basis Politiker im Prozeß der Kommunikation Politik und Gesellschaft entwerfen und fortschreiben.

Diese Grundlage könnte man als Fundament der Gegebenheiten bezeichnen, was zumindest die Projektion in der Berufung auf derlei Gegebenheiten behauptet.
Genau dieses Grundgerüst gilt es jedoch zu durchleuchten.

Um den Charakter und die Funktion eines Tatsachenkanons in herrschaftlichen Zusammenhängen und die Bedeutung der jeweiligen inhaltlichen Ausprägung der postulierten Tatsachen genauer zu betrachten, wird im Folgenden ein theoretisches Modell im Mittelpunkt stehen, welches die Auseinandersetzung mit durch Kommunikation vermittelter Herrschaft zum zentralen Inhalt hat.

III.1: Der Bezug zur Theorie Donna Haraways

Ein zentrales Anliegen der dekonstruktivistischen Gesellschaftsanalyse Donna Haraways besteht im Aufzeigen von sich manifestierenden Machtverhältnissen in der Vermittlung von Tatsachen. Die Tatsachen, denen Haraways vorrangiges Interesse gilt, beziehen sich auf Entwicklungen in den neueren Naturwissenschaften, in deren Folge gesellschaftlich etablierte Definitionen von Natur und Natürlichkeit fragwürdig erscheinen.

Haraways Blickwinkel ist insofern feministisch, als sie den wissenschaftlichen Definitionen von Geschlecht und deren Folgen, wie beispielsweise Konzepten charakteristisch weiblicher Persönlichkeitsmerkmale und den Auswirkungen zugeschriebener weiblicher Fähigkeiten auf berufliche Tätigkeiten von Frauen, besondere Aufmerksamkeit schenkt. Die Theorie Haraways ist jedoch über eine feministische Perspektive hinaus aufschlußreich, weil es im Kern darum geht, aufzuzeigen, wie Dominanz oder Herrschaft sich mittels spezifischer kommunikativer Techniken selbst legitimiert und reproduziert. Dominanz und Herrschaft sind in Haraways Theorie nicht grundsätzlich Dominanz und Herrschaft von Männern über Frauen.

Das zentrale Beobachtungsfeld in Haraways Analyse trägt die Bezeichnung „Technoscience“, womit nicht nur die aktuellen naturwissenschaftlichen Bereiche wie die Gentechnologie definiert werden, sondern auch die Zusammenhänge der wissenschaftlichen Forschung mit den Sphären der Wirtschaft und der Politik. Der Bereich der Wirtschaft spielt eine zentrale Rolle in Haraways Theorie, weil darin zahlreiche Merkmale heutiger Lebensverhältnisse auf die Rolle der globalisierten Wirtschaft in den Entscheidungsprozessen über individuelle Lebensmöglichkeiten zurückgeführt werden.

Die Technoscience ist laut Haraway die Geschichte der Globalisierung, samt den Merkmalen und Auswüchsen dieser Geschichte bezüglich realer Lebensbedingungen heute. Die Sphäre der Politik wird in Haraways Theorie angesprochen, steht aber nicht im Mittelpunkt der Analyse, weil es weniger um die politischen Ausführungen im Kontext spezifischer wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen, als um deren Konstruktion und Konstitution innerhalb dieser Bereiche selbst, mit besonderem Fokus auf dem Bereich der Naturwissenschaften, geht.

Die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verdeutlicht Haraway anhand zahlreicher Beispiele, wie der Bereitstellung immer neuer Technologien durch die Wissenschaft, um menschliche Arbeit weitgehend überflüssig zu machen, der anschließenden Verwendung dieser Technologien in der wirtschaftlichen Produktion und den damit verbundenen Verschiebungen in Ausprägungen und Definitionen von Erwerbsarbeit und in bezug auf Lebensmöglichkeiten von Menschen, die auf Erwerbstätigkeit als Quelle ihres Lebensunterhalts angewiesen sind...>

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© Andre Seifert, 2006
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