Nachmittag in der Einkaufspassage. Absichtslos verknoten sich Menschen beinahe ineinander und schaffen es meist doch gerade noch, einander nicht so sehr zu behindern, daß es zu Rempeleien kommt, die zu einer Störung des vorgesehenen Ablaufs der zufällig gemeinsam unternommenen Verrichtungen führen würden. Alle bleiben weitestgehend auf ihrer Spur. Es tut auch nicht besonders weh. Schließlich ist jetzt die Zeit, in der die meisten der hier versammelten Menschen gerade ihre Mittagspause genießen und die Zeit dabei doch auch sinnvoll nutzen - so wie man jede Minute sinnvoll nutzen soll um die Dinge zu besorgen, die sie brauchen, um sich und ihren Familien am Abend ein gutes Mahl bereiten zu können.
Aus den Lautsprechern tönt leere Musik, dargeboten von Stimmen, die ihre Haut in den Klatschspalten der ebenfalls hier erhältlichen Zeitungen und Zeitschriften zu Markte tragen, damit sie die nötige Popularität aufrechterhalten können, der es bedarf, um an Orten wie diesem aus den Lautsprechern dröhnen zu dürfen. Ihre leere Musik stört niemanden. Sie macht niemandem die wertvolle Mittagspause zunichte. Sie sorgt für keinerlei Eruptionen. Sie berührt niemanden. Sie kann niemanden befreien. Das würde sie auch gar nicht wollen, die leere Musik. Sie will gar nichts. Sie soll nur da sein und nicht stören, was ihr freilich oft nicht gelingt. Sie stört sogar gar nicht wenige Menschen in nicht geringem Maße, aber ohne sie wäre es ja auch irgendwie trist. Dann würde man erst einmal merken, wie trist die ganze Veranstaltung hier eigentlich ist. Die im Erledigungs-Parcours vergeudete Mittagspause der Menschen, die bald schon wieder hinter Schreibtischen und Bedienungs-Theken zufrieden und bereit zu allem aussehen sollen.
So schleppt man sich eben dahin zur Musik, die den Takt des sich Schleppens vorgibt.
Darin ist man so gut geübt, daß kaum mal jemand aus dem Takt gerät und kaum mal jemand aus dem Rahmen fällt.
Umso erstaunlicher ist es, wenn genau das einmal zu beobachten ist wenn tatsächlich einmal jemand einen Schlag verpaßt. Das muß für die betreffende Person dann sein wie ein kleiner Stromstoß, eine fast unmerkliche Folge lebenslanger Konditionierung.
Ein noch so kleiner Stromstoß kann beträchtliche Auswirkungen auf den Herzschlag haben. Ein Stromstoß und ein Herz bleibt für immer stehen, regungslos. Ein Stromstoß und ein totes Herz beginnt zuweilen wieder zu schlagen.
Jemand stolpert. Nichts dramatisches. Der Marschrhythmus wird einfach ohne Absicht unterbrochen, weil irgend etwas die Beine am regelmäßigen Weitertraben hindert. Ein Gedanke vielleicht. Bloße Erschöpfung?
Jemand bleibt stehen und alle anderen weichen aus. Da steht einer im Weg und alle machen Platz. Ist das nicht ein gutes Zeichen? Nur ganz selten wird einmal jemand über den Haufen gerannt.
Da steht man nun und merkt plötzlich, daß da doch noch ein bißchen Raum in Reserve ist. Da ist noch ein bißchen mehr Platz, den man mit seinem Körper und seinem Leben einnehmen kann, als man es vielleicht je vermutet hätte. Man wird nicht gleich erschossen.
Da verbringt man sein ganzes Leben im Kugelhagel der guten Ratschläge und der Anweisungen für die rechte Art zu leben und dann geht es plötzlich einfach nicht mehr weiter.
Wenn etwas sehr Profundes gesagt wird, dann bedarf es nur eines Flüsterns.
„Ich kann nicht mehr.“ Die geflüsterten Worte.
Eine Frau sagt hier und heute diese Worte, wirklich ganz leise - doch es reicht aus, um eine Kettenreaktion auszulösen. Die Frau sitzt einfach nur so da, inmitten des Menschenmeeres. Ihre Einkaufstüten hat sie fallen lassen, aber das ist nicht schlimm.
Zuerst gehen die Leute natürlich vorbei. Einige sehen in dieser Frau erwartungsgemäß eine Belästigung und ein oder zwei gehetzte Leute rennen sie wirklich fast über den Haufen. Aber es geschieht auch etwas anderes.
Nachdem die Frau einfach nur ein paar Minuten so auf dem Boden hockt, scheint sich ein ganz zaghaftes Interesse bei einigen der hier versammelten Menschen zu regen. Als erstes wagt sich eine alte Frau hervor, geht zu der Sitzenden und fragt, ob alles in Ordnung sei. Der Sitzenden hat es wohl vor Schreck in Anbetracht der eigenen Funktionsstörung die Sprache verschlagen. Jedenfalls kann sie weiterhin nur flüstern. „Ich bin verzweifelt.“ Darauf sagt die alte Frau, daß sie sich leider nicht auf den Boden setzen könne, versichert der Sitzenden aber, daß es ihr persönlich ganz ähnlich gehe. Die alte Frau stellt sich also einfach neben die Frau am Boden und plötzlich ist da eine ungeahnte Verlockung an diesem Ort der disziplinierten Emsigkeit. >