Die Verlockung des Stillstands, der Pause, des Aufgebens.
Inmitten der Brandung aus beschäftigten Menschen ist da eine kleine Insel und gar nicht wenige scheinen heute an diesem Ort eine Insel bitter nötig zu haben. Ein Murmeln aus tausend Kehlen. „Ich bin verzweifelt.“
Menschen bleiben stehen, so als hätte jemand auf die Stoptaste gedrückt.
Kurz vor dem Kollaps hat jemand oder etwas sie angehalten und im ersten Augenblick fühlt es sich fast so an, als würde die Zeit nun plötzlich rückwärts laufen. Es wirken noch die Fliehkräfte der Körper, die weiter voranpreschen wollen, bevor sie merken, daß es an der Zeit ist, zu ruhen.
So wie die allermeisten sich unter normalen Bedingungen die allergrößte Mühe geben, mit den anderen Schritt zu halten, nicht zu langsam voranzukommen, folgen sie nun der Gesetzmäßigkeit des Stillstands.
Menschen bewegen sich in Wellen. Das entspricht ihrer Natur.
Und die Menschen, die nun im Innehalten verbunden sind, entdecken gemeinsam eine andere Realität.
Auf der anderen Seite der großen Schaufenster ist ein Himmel, Luft zu atmen. Sonnenlicht fällt durch die Scheiben, was sonst niemandem auffällt. Doch nun sehen sie, wie es auf den Gesichtern der Menschen liegt, selbst hier in der Einkaufsmeile. Niemand denkt mehr an Besorgungen. Auch die Kassiererinnen schauen gemeinsam mit allen anderen auf die Welt da draußen, auf der anderen Seite der Schaufenster. So vieles scheint möglich. Niemand ist mehr einsam an diesem Ort. Wie könnte man einsam sein, wenn man weiß, daß man von Menschen umgeben ist, denen es genauso geht wie einem selbst. Man könnte mit jemandem nachhause gehen, sich und einander näher kennenlernen, Verbindungen herstellen, Netze knüpfen.
Es sind nur zwei oder drei Minuten, in denen das Leben gut ist hier an diesem Ort, an dem ein paar Menschen einen Moment der Freiheit erfahren.
Es könnte länger dauern. Doch wir konnten leider einige ganz spezielle Zeitgenossen nicht fernhalten, weshalb der schöne Moment nun auch sein Ende gefunden hat.
Der große Auftritt. Gestatten? Ladies and Gentlemen!
Die Selbstmitleids-Polizei.
Vereinzelt sind sie doch tatsächlich weiter durch die Gänge gesaust und nun wollen sie aber wirklich „Zahlen, bitte!“.
Wo kämen wir da denn dahin, wenn jeder seinen Launen nachgeben würde?
Verzweifelt? - Daß ich nicht lache!
Schwächlinge! Immer das selbe Gejammer!
Das bringt niemandem etwas!
Die Selbstmitleids-Polizei spricht und wie meist brüllt sie dabei.
Heute, hier an diesem Ort, ist die Selbstmitleids-Polizei eindeutig in der Minderheit doch sie beherrscht die Kunst der Unterdrückung in höchstem Maße. Ganz egal wieviele straucheln, selbst wenn die Menschen sich einmal fast angenommen und unter ihresgleichen fühlen sollten irgendwo steht immer einer dieser seltsamen Polizisten und prustet schrill in sein Alarmpfeifchen.
Das Selbstmitleid gehört ausgemerzt!
Sie halten die Menschen, die sie abfällig „ Die Wehleidigen“ nennen, für den Dreck der Gesellschaft und dabei haben sie angst, einmal nicht rechtzeitig die Augen vor deren Schmerz verschließen zu können.
Sie wollen einfach nicht hören und schon gar nicht wissen, was den anderen Menschen Kummer bereitet.
Da sie geübt darin sind, die Ohren und die Augen verschlossen zu halten, geht recht viel an ihnen vorbei. Daher haben sie nie ein Verständnis für die Unwägbarkeiten des Lebens entwickeln können. Der Anblick von „gescheiterten“ Menschen sprengt ihren Horizont. Wie kann das sein? Das Leben ist doch nicht so schwer! >