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Gespensterblicke II - Die Selbstmitleids-Polizei
Ein Essay
-Seite 3-
Unser kleines Beispiel, das sich so oder so ähnlich an fast jedem Ort in diesem Land zugetragen haben könnte – und sich vielleicht sogar tatsächlich irgendwo zugetragen hat, zeigt es schon:
Die Selbstmitleids-Polizei tritt auf und promt ist die Ordnung wieder hergestellt.

Genau darin besteht ihre Aufgabe. Das ist ihre Funktion, die ihren Mitgliedern womöglich von irgendjemandem zugewiesen wird. Dem müssen wir nachgehen.

Wer rekrutiert die Selbstmitleids-Polizei? Wie verläuft die Ausbildung? Was ist der Lohn?

Im Fernsehen heißt es „Jammern geht gar nicht!“ Bei jeder Gelegenheit. Beim Wetterbericht. Erst kürzlich: „ Es bleibt weiterhin heiß, aber - da sind sich alle einig - jammern geht gar nicht!“ Wer ist sich einig? Was soll das?
Wie modern, wie jung das Fernsehen spricht. Das Fernsehen spricht heute wie der einfache Mann auf der Straße, wie Du und ich. Die Menschen sprechen wie das Fernsehen.

Was wird von der Selbstmitleids-Polizei überhaupt geahndet?
Was wird mit dem Begriff Selbstmitleid überhaupt bezeichnet?
Und warum wird dieses sogenannte Selbstmitleid so erbittert bekämpft?

Die Definition des Übels

Der Begriff Selbstmitleid meint in erster Linie Innehalten, die Unterbrechung der offenbar von irgend jemandem oder irgend etwas vorgegebenen Vorwärtsbewegung.

Der Begriff selbst scheint nicht klar umrissen. Es wird damit längst jede Form des Ausdrucks menschlicher Emotionalität bezeichnet, die bereits auf den ersten Blick nicht mit der von Medien und Politik propagierten Happy Clappy-Mentalität identisch ist, um einen ausgesprochen pointierten Begriff aus Douglas Couplands „Generation X“ zu verwenden.

Das Spektrum reicht von sicher nicht immer erbaulichem Klagen über das Wetter, Gott und die Welt bis hin zu weit ernsthafteren, gewichtigeren Äußerungen und Gefühlsregungen von Menschen in persönlichen Krisen- und Notsituationen.

Mit der Selbstmitleids-Keule wird dies alles auf eine Ebene gestellt und das Substantiellere durch die Gleichsetzung mit dem Profanen diskreditiert.

„Jammern geht gar nicht!“ sagt der Fernseher süffisant.
Es läßt sich eine zuweilen erstaunliche Böswilligkeit der Selbstmitleids-Polizei in Gestalt von Medienfachkräften beobachten, wenn es darum geht, Menschen, die in irgendeiner beliebigen Berichterstattung als Statisten vorkommen, als wehleidiges Gesindel zu diffamieren. Man erinnere sich an die Berichterstattung zu den Montagsdemontrationen im Zuge der Hartz IV-Einführung.

Anlass ist häufig eine vermeintliche „Zurschaustellung“ von Unzufriedenheit, die oft jedoch nur ein bloßes Vorhandensein von Unzufriedenheit ist, für die es gar nicht einmal so selten gute Gründe gibt.

Es ist als würden die Massenmedien mit ihrer fleißigen Verwendung der Selbstmitleids-Keule sagen wollen „Ihr habt nicht unzufrieden zu sein im strahlend-zähnebleckenden Land, das vor allem auch uns gehört – viel mehr als euch in jedem Fall!“ „Ihr stört unser Bild von uns selbst und von unserem Besitz, dem Land, in dem ihr nur ungern von uns geduldet seid - erst recht, wenn ihr euch nicht so verhaltet, wie wir es von euch erwarten und verlangen.“

Die Haltung der Mächtigen, die keinen Grund zur Klage haben gegenüber allen Untertanen, die allen Grund zur Klage haben.

Das Selbstmitleid, in welcher Ausprägung auch immer, will einfach nicht so recht ins kapitalistische System passen, weshalb es dem kapitalistischen System ein Dorn im Auge ist.

Also schießt das kapitalistische System mit seinen penetrantesten Massenvernichtungswaffen, den Massenmedien, auf die des Selbstmitleids Schuldigen, von denen man wohl oft meint, sie seien ja auch als Konsumenten nicht besonders einträglich und brauchten daher auch nicht so schmeichlerisch umworben zu werden, wie der zahlungskräftige und emotional konforme Rest.

Natürlich gefährdet das Selbstmitleid das kapitalistische System nicht, stellt keine ernsthafte Bedrohung für das Funktionieren der Weltordnung dar.
So vehement mit den Mitteln des Spottes und Hohns bekämpft wird es nur, weil es die schöne Aussicht der eitlen Weltenlenker und deren gefallsüchtiger Hofschranzen verschandelt. Man möchte in den Spähren der schönen Erfolgreichen einfach keine trüb umwölkten Gestalten in den eigenen Ländereien herumschleichen sehen.

Man könnte deren Anblick ja für den Ausdruck eines Makels bezüglich der Herrschaft auffassen, der jene Menschen unterstehen. Also befiehlt man den Menschen, sich gefälligst andere Gefühle zu ihren Erfahrungen zuzulegen oder zumindest den Eindruck zu erwecken, andere, vermeintlich „positive“ Gefühle in sich zu haben. >

Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2006
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