Gedankenkontrolle ist ein Bestandteil totalitärer Herrschaftssysteme. Die Gedankenkontrolle findet mittels öffentlich verbreiteter Kataloge des erwünschten und des geächteten Denkens und Handelns statt. Die Gedankenkontrolle verlangt zudem die Selbstzensur des Individuums als Voraussetzung seiner Zugehörigkeit zum System als dessen Untertan, was die beste Aussicht zu sein scheint, die das Individuum noch hat.
Wer sagt eigentlich, daß es verwerflich ist, unproduktive Gedanken zu denken und unproduktive Gefühle zu fühlen?
Wer sagt, daß dem mit Hohn zu begegnen ist?
Wer hat darüber zu bestimmen, welche Gefühle Menschen zu fühlen und welche Gedanken sie zu denken haben?
Ist nicht viel eher der Anmaßung jener Menschen mit Hohn zu begegnen, die meinen, sie hätten ein Recht, irgend jemandem ihren Hochmut entgegenzuspeien mit den Worten „Verschone uns mit Deinem Selbstmitleid!“?
Wie tief auf der menschlichen Entwicklungsleiter muß man eigentlich stehen, um sich eine derartige Blöße geben zu können? Ein kleiner Geist entlarvt sich zuverlässig selbst.
Die Verdammung findet einerseits im Rahmen der sozialen Kontrolle durch das gesellschaftliche Umfeld des Individuums statt, zum anderen läßt sich in den letzten Jahren auch verstärkt eine mediale Offensive zur Ahndung des Selbstmitleids beobachten - am deutlichsten in Funk-und Fernsehwerbung und den Boulevard-Formaten in TV und Printmedien zu erkennen.
Natürlich ist es kein neues Phänomen, das hier zu beobachten ist. Adorno konstatierte bereits in den fünfziger Jahren eine neue Kultur des „Never Looking Back“, die er als Bestandteil des umfassenden Imports des American way of life betrachtete. Der ideologische Zwang zum „sich nichts daraus machen“ - wobei das Daraus für erfahrenes Leid und die Ahnung steht, daß das herrschende System für einen selbst nicht funktioniert, einem nicht dient hält die Menschen klein.
Der Zwang der Verleugnung, des „sich nichts anmerken lassens“ ist ein ideologisches Knechtungswerkzeug.
Schmerz zu empfinden ist verpönt. Darüber reden gilt als Sünde.
Die Forderung an das Individuum, seine eigene Lebensrealität zu verleugnen, nicht bewußt wahrzunehmen und nicht darüber nachzudenken, kommt zudem einer künstlich hervorgerufenen psychischen Störung gleich.
Das geforderte Verhalten entspricht nämlich nicht einer gesunden Psyche, in deren Konstitution sich ein gewisser Selbsterhaltungstrieb insofern bemerkbar machen sollte, als er nach einer Überwindung krankmachender Lebensbedingungen strebt.
Das Klagen ist von der Moderne abgeschafft.
Nicht ohne Grund sind Reste einer Kultur des Klagens nur noch in Teilen der Welt zu finden, in die der städtische Kapitalismus erst spät vordrang und in denen eine tiefe religiöse Verwurzelung dem hemmungslosen sich anbiedern an die Kultur des Kapitals im Wege steht.
Die Kultur des Klagens ist anti-modern, antikapitalistisch, weshalb sie von den Kräften und den Hörigen des Kapitalismus so besessen verdammt wird.
Durch die Verdammung des Selbstmitleids wird der des Selbstmitleids Bezichtige und der sich selbst des Verdachts des Selbstmitleids Ausgesetzte natürlich zunächst einmal eingeschüchtert. Eingeschüchterte Menschen lassen sich bekanntlich leichter beherrschen als beispielsweise sehr selbstbewußte Menschen. >