Die Verdammung verleiht dem Selbstmitleid den Charakter eines Makels, der dem mit dem Makel Behafteten gleichsam eine Schuld auferlegt, weil es sich ja offensichtlich nicht um einen unverschuldeten Makel wie beispielsweise ein körperliches Gebrechen handelt.
Nein, ein seelisches, mentales Problem soll das Selbstmitleid sein.
Und Seele und Geist werden in der modernen Welt mehr noch als der Körper als mechanische Bestandteile des Objektes Mensch betrachtet, das über die Freiheit verfüge, durch Willensanstrengung die Regungen von Seele und Geist unter Kontrolle zu bringen und sozialverträglich = kapitalismusgerecht zu gestalten.
Die Selbstzensur nimmt oft die Form vorauseilenden Gehorsams an.
Es wird sich jeder an persönliche Gespräche erinnern, in denen Sätze fielen wie „Aber ich will nicht jammern.“ „Aber ich will ja nicht klagen.“ Man hört diese Sätze erschreckenderweise oft in Gesprächen mit Menschen, die wirklich gerade etwas schlimmes durchmachen oder bereits erlebt haben.
Bloß nicht den Verdacht erwecken, zum wehleidigen Gesindel zu gehören und damit als schwach und unbrauchbar abgeschrieben zu sein.
Oft sind es Menschen, die sich ihrer eigenen unsicheren gesellschaftlichen Position sehr bewußt sind, die sich das Klagen verbieten, während sich im Gegensatz dazu die sehr wenigen sehr privilegierten Menschen sehr gern in Büchern und öffentlichen Runden zu jedem Anflug eines Schmerzes in ihrem bisherigen Leben lange und ausführlich äußern, worauf die Selbstmitleids-Polizei seltsamerweise nie auch nur ansatzweise so kritisch und schon gar nicht hämisch reagiert wie beispielsweise auf die enteigneten Menschen, die es oft nur einmal wagen, ihre Meinung auf der Straße kundzutun.
Könnte da ein Machtgefälle eine Rolle spielen?
Es sind ja oft die ihr Leid vergoldenden Prominenten in den Talkshows, die sich im Anschluß an ihre Leidensgeschichten gern noch über das wehleidige einfache Volk beschweren.
Das größte und nervenraubendste Gejammer ist seit langem das Klagen der Mächtigen über die vermeintliche Jammer-Mentalität derer da unten.
Das alltägliche Leid wird negiert.
Das in irgendeiner Weise als spektakulär zu inszenierende Leid dient als Farbpalette massenmedialer Ikonenmalerei: Lady Di, die musikuntermalten fallenden Türme, das wieder aufgetauchte Entführungsopfer.
Die massenmedial vermittelte Wirklichkeit macht den am alltäglichen Leid Zugrundegehenden klar: „Ihr habt kein Recht auf euer Klagen, denn ihr kommt in unserer Erzählung der Wirklichkeit nicht vor. Ihr existiert also nicht.“
Die Ächtung des sogenannten Selbstmitleids, in erster Linie ein Redeverbot, bringt die Menschen um die Möglichkeit von Verbindungen.
Das Erzählen der eigenen Geschichte, das Mitteilen der Not könnte zur Feststellung führen, daß man gar nicht so allein und isoliert ist, wie es den Anschein haben mag.
Es könnte die Möglichkeit eines besseren Lebens, womöglich in Gemeinschaft, in Betracht gezogen werden, was nicht im Sinne eines sich als funktionierend betrachtenden dominierenden Herrschaftssystems sein kann.
Ein Herrschaftssystem, das seine Macht nicht zuletzt auf der Grundlage der Angst und empfundenen Ohnmacht und Isolierung seiner Untergebenen aufrechterhält, kann nicht wollen, daß jene Untergebenen von ihrer negativen Selbstwahrnehmung befreit werden. Es ist einem bestehenden Herrschaftssystem viel dienlicher, wenn jene untergebenen Menschen sich isoliert, entfremdet und ohnmächtig fühlen. >