Die Selbstmitleids-Polizei predigt unablässig das survival of the fittest , auch weil sich ihre Mitglieder selbstverständlich für zu den Fittesten zugehörig halten.
Die Mitgliedschaft zur Selbstmitleids-Polizei erfordert also ein gewisses Maß an Eitelkeit und die kann sich ja nicht jeder Mensch leisten und auch nicht einfach so grundlos erlauben.
Die Selbstmitleids-Polizei setzt sich aus Mitgliedern der Kaste der Privilegierten und aus Möchtegern-Privilegierten zusammen.
Da man weiß, daß sich die Mächtigen gern über die klagenden Untertanen beschweren, macht man sich mit den Mächtigen gemein und glaubt, selbst der Macht ein Stück näher zu sein, wenn man ihr nach dem Munde redet. Es geht um eine geborgte Macht, deren realer Gehalt allerdings wohl in der Regel zweifelhaft bleibt.
Wie oft ist schon jemand in die Kreise der Eliten aufgestiegen, indem er sich anbiederte? Nicht selten vermutlich.
Wie oft hat die Anbiederung keinerlei positiven Effekt für das sich anbiedernde Individuum?
Wahrscheinlich sehr viel häufiger.
Die sich dem Meinungsmonopol - und damit der Herrschaft - durch ihren erbitterten Kreuzzug im Kampf gegen das Selbstmitleid Anbiedernden verhalten sich wie streberhafte Musterschüler, die sich die besondere Zuneigung ihrer Klassenlehrer erschleichen wollen.
Und sie haben das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.
Man könnte sagen, sie verhalten sich wie Schafe, die brav ihren Hirten folgen doch das wäre eine Beleidigung jener schönen, unschuldigen Tiere.
Und der Vergleich würde auch die nicht zu unterschätzende Bosheit der Selbstmitleids-Polizei außer Acht lassen.
Es läßt sich zuweilen ein von tiefem Haß erfüllter Eifer auf Seiten der Selbstmitleids-Polizei beobachten, der sich in der hemmungslosen Erniedrigung der in ihren Augen des Vergehens Schuldigen ausdrückt.
Dieser Haß läßt sich nur aus der vollständigen Identifizierung mit dem Herrschaftssystem, dem man selbst unterworfen ist und dessen Vorgaben ableiten in Verbindung mit einer ausgeprägten Strebsamkeit, wenn es darum geht, ein besonders guter Sklave zu sein. Vielleicht in der Hoffnung, sich somit einen Posten als Aufseher über die niederen Sklaven ergattern zu können.
Die Selbstmitleids-Polizei rekrutiert sich aus Menschen, die die Position des Günstlings anstreben und diese Position der Position des frei denkenden Individuums in jedem Fall vorziehen.
Man könnte Mitleid mit diesen ihrer Menschlichkeit entfremdeten Menschen haben, wenn sie nicht all ihre Chancen darauf, Mitmenschlichkeit zu erfahren regelmäßig verspielen würden.
Ein eifriges Mitglied der Selbstmitleids-Polizei muß sich darüber im Klaren sein, daß es von anderen Menschen immer nur die Haltung ernten wird, die es selbst gegenüber anderen an den Tag legt und als Ideologie fleißig predigt.
Es gibt kein Mitleid für die Selbstmitleids-Polizei, weshalb ihre Mitglieder zu den traurigsten Gestalten gehören und ärmer dran sind, als jene die sie so inbrünstig hassen. Vielleicht ahnen sie das. Vielleicht liegt darin eine Wurzel ihres Hasses.
Als Einzelkämpfer, ideologisch noch in der Yuppie-Kultur der Achtziger Jahre beheimatet, leben sie in einer Welt, die uns Menschen täglich vor Augen führt, daß wir ohne gegenseitige Hilfe und ohne eine Kultur des aufrichtigen Teilens von Erfahrungen, Wissen und Ressourcen zum globalen Elend, das sowohl ein materielles als auch ein spirituelles Elend ist, verdammt sind.
Die Selbstmitleids-Polizei mit ihren Reißt euch am Riemen-Appellen hat keine Antworten und keine Lösungen im Angesicht des Elends der Welt, das auch sie noch irgendwann einholen wird.
Sie läßt nur das Land und die Seelen der Menschen erfrieren. Das ist ihr einziger Beitrag.
Sie werfen uns anderen vor, daß unser Klagen niemandem etwas nützt und daß niemand uns jammernde Gestalten braucht. Doch wenn irgendeine Instanz in diesem Land wirklich überflüssig ist, dann ist es die Selbstmitleids-Polizei, was ihre Mitglieder natürlich nie begreifen werden. Sie werden immer pöbeln und plärren. Die Selbstmitleids-Polizei zeichnet sich durch einen ausgesprochen rohen Umgangston aus - dabei denken viele, sie seien feine Leute. Aber ihre Zeit ist vorbei.
Vielleicht müssen wir ein Festival des Wehklagens feiern, um es ihnen klar zu machen.
Ihre Zeit ist vorbei.