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Gespensterblicke III - Spiegel
Ein Essay
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I. Die zurückliegenden Stufen

Es beginnt im Zorn.
Man öffnet die Augen, versucht es zumindest - nimmt sich vor, aufmerksam zu beobachten, was einem selbst widerfährt. Wie auch immer man es nennen mag, ein Netz oder ein System, in das man eingebunden ist – wie verfährt dieses System mit dem eingebundenen Individuum? Wie nimmt das Individuum seine Behandlung durch das System wahr?

Wut wird eine nicht seltene Reaktion sein, wenn ein Individuum beginnt, sich derlei Fragen zu stellen. Wut, die kein Ventil finden kann, der keine noch so große Kraft - sei sie körperlicher, intellektueller oder auch spiritueller Art - einen Ausweg aus der Situation, deren Ursprung der Zorn ist, weisen könnte, wird irgendwann mit Verzweiflung einhergehen, vielleicht einmal von der Verzweiflung ganz abgelöst werden. Dann bliebe nur noch Depression, wo einmal kraftvolle Wut gewesen ist.

Wenn der Zorn sich nicht gänzlich von der Verzweiflung verschlingen läßt, vielleicht weil er einfach zu stark ist, oder in sich selbst schon so verzweifelt, das die Verzweiflung der Erkenntnis den Zorn nur weiter nährt, dann sind neue Wege der Beobachtung und des Erkenntnisgewinns zu suchen. Als erstes wird man eine möglichst konstruktive Form der Beschreibung des Gesehenen und Erfahrenen wählen, denn ein bloßes Verharren in der Ablehnung ist gesellschaftlich geächtet. Und aus der Rolle des Geächteten gilt es schließlich herauszutreten.

Man zeigt, das man auch anders kann. Man schraubt ein wenig an den Urteilen, die andere über einen fällen können. Der scheinbar lächerliche Zorn des Anfangs wird im Folgenden zu einer ebenso scheinbar harmlosen Milde umformuliert. Man verläßt Klischee Nummer 1, nimmt zunächst einmal seinen Platz im Klischee Nummer 2 ein und läßt die ersten schnellen Urteile hinfällig werden. Jeder neue Blickwinkel ermöglicht die Überwindung bisheriger Etikettierungen. Das ist der äußere Aspekt.

Im Vordergrund steht jedoch die innere Suche.
Die Suche nach einer neuen Kraft, an der sich der verbliebene Lebenswille aufzurichten versucht, führt zur Utopie. Es geht dabei um den Akt der Konstruktion einer Hoffnung. Damit einher geht die Entdeckung der Gedankenkraft des Individuums, vielleicht der Anlaß der ersten positiven Selbstwahrnehmung, die dem Individuum im System bisher verwehrt blieb. Das Individuum kann erfahren, daß es zumindest zur Vorstellung eines besseren Lebens in der Lage ist – eine intellektuelle Leistung, die das Individuum dem herrschenden System schon einmal voraus hat, das selbstverständlich keine Notwendigkeit zu einer solchen kreativen Leistung sieht.

Systeme funktionierender - also sich selbst aufrecht erhaltender - Herrschaft sind nicht kreativ, weil sie keinen Anlaß zur Veränderung kennen. Die Idee der Überwindung ist diesen Systemen, also ihren Funktionsträgern und Profiteuren, grundsätzlich fremd.

Vom grundlegenden Zorn zur Konstruktion von Hoffnung. Das sind die ersten Stufen von Wahrnehmung, Empfindung und Haltung, die in Gespensterblicken ihren Ausdruck finden.

Als stabiles Fundament für die Entscheidung des Individuums, am Leben bleiben zu wollen, als Grundlage der nötigen Kraft für dieses Vorhaben, reicht eine Utopie allein jedoch nicht aus – schon deshalb nicht, weil die Utopie immer auf der Hoffnung auf Gemeinsamkeit beruht, darauf, daß es andere Menschen gibt, die bereit sind, für die Verwirklichung der Utopie zu kämpfen. Aus der Situation des völlig isolierten Individuums heraus – und das ist in der Regel die Situation des Menschen am Rande der Gesellschaft - trägt die Utopie deshalb nicht als Überlebensgrundlage. >

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© Andre Seifert, 2006
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