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Gespensterblicke III - Spiegel
Ein Essay
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II. Die Herausforderung

Es geht um die Konstitution einer neuen Kraft, destiliert aus einer allmählich aus der Lebenserfahrung gewonnenen Klarheit. Dabei ist der Gewinn an Klarheit ein ebensowenig als abgeschlossen zu betrachtender Prozeß wie die Gewinnung der angestrebten Kraft, die in besagter Erfahrung ihren Ursprung hat.

Das Ziel für das Individuum besteht darin, sich selbst in die Lage zu versetzen, bewußt als Spiegel der sich an seinem Körper, seinem Denken, seiner Psyche abbildenden Herrschaft und der an ihm verübten Gewalt aufzutreten. Das ist natürlich keine fröhlich stimmende Lebensperspektive. Aber es ist eine Grundlage, um am Leben bleiben zu können und zu wollen.

Den Gehilfen des Herrschaft ausübenden Systems, im konkreten Fall wird es sich meist um Bürokraten handeln, führt das im doppelten Sinn reflektierende Individuum deren Handeln in besonderer Weise vor Augen. Dabei geht es nicht so sehr um Genugtuung als um bloße Selbstverteidigung.

Die Bürokraten in ihrer Funktion als Stützen des Systems sind es gewohnt, mit gebrochenen Menschen zu tun zu haben. Wie sollten sich Menschen auch anders geben, wenn sie unter Beobachtung stehen und ständig mit Urteilen rechen müssen, die auf sie hernieder prasseln, die erfahrungsgemäß meist nichts Gutes für die beobachteten Menschen bedeuten werden.

Die Bürokraten kümmert das wenig, denn sie sind abgehärtet. Sonst könnten sie ihre Arbeit ja auch nicht verrichten.
Wenn ein Mensch in irgendeiner Behörde mit einem Anliegen auf sie zukommt, dann machen sie sich schon vorher, also rechtzeitig, innerlich ganz hart, so daß die Härte nach außen dringt im Klang ihrer Stimmen, in der kalten Leere ihrer Blicke. Das ist Routine für die Bürokraten. Es scheint ihr Geheimauftrag zu sein, möglichst viele Menschen mit ihrem erbarmungslosen Auftreten von vornherein zu entmutigen – damit sich viele erst gar nicht mehr trauen, irgendwelche Bitten oder Anfragen irgendwo vorzubringen.

Die Menschen sind schließlich fragil, auch wenn das keiner wahrhaben will. Und mit der Zeit macht die wiederholte Konfrontation mit der maskenhaften und dennoch sehr überzeugenden Härte der Bürokratie Menschen eben mutlos und sie verstecken sich gar irgendwann, wenn sie sich von der Bürokratie bedrängt fühlen.

Und besagte bürokratische Härte findet nicht nur auf Ämtern und Behörden statt.
Es gibt sie sogar an eigentlich unverdächtigen Orten, wie etwa die zahlreichen Dominas des TV-Boulevard-Journalismus demonstrieren, die die Menschen schon einmal auf die Demütigungen des Lebens als öffentlich angeprangerte Sozialschmarotzer einstimmen. Wer würde es denn noch wagen, sich vor einem solchen Schicksal sicher zu wähnen? Die Angst kriecht ins Denken der Menschen hinein. Sie lähmt und macht klein.

Und wenn man angekommen ist in den Reihen der Überflüssigen, dann schämt man sich - pflichtgemäß, schuldbewußt – macht sich noch kleiner, möglichst unsichtbar, so wie man eben zu sein hat.

Warum ist es notwendig, die Stufen des Zorns und der Utopie hinter sich zu lassen?
Weil Zorn zu gut verstanden wird von den Kräften, die das Leben des Individuums in ihrem Griff wähnen. „Wie sollten sie auch nicht zornig sein, die kleinen Menschen?“ würde sich das System womöglich fragen, wäre es ein personifizierter Gott, so wie manche immerzu behaupten.

Was man versteht, das glaubt man kontrollieren zu können. Im Fall der Wut kann man es im Ernstfall als Straftat ahnden, wenn das Individuum die Beherrschung über die eigene Wut verloren hat. Das vom System bedrängte Individuum muß in der Tat vorsichtig mit der Wut umgehen. >

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© Andre Seifert, 2006
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