Die Stufe der Utopie muß aus dem simplen Grund verlassen werden, weil die Befriedigung des ständigen Belächeltwerdens mit der Zeit ihren Reiz verliert.
Lassen wir unseren Zorn in Worte fließen, kommt ganz schnell die Selbstmitleids-Polizei und haut uns auf die Finger, wie eine Lehrerin, deren Zorn wir durch schlechtes Betragen auf uns gezogen haben. Wir toben und wir werden klein gemacht.
Also träumen wir. Dann wird das Prügel-Stöckchen weggepackt. Man tätschelt uns den Kopf.
„Ja brav. Die Träumerle. Wie putzig.“
Wir träumen und wir werden klein gemacht.
Also sorgen wir dafür, daß die tätschelnden Hände von uns ablassen.
Es geht um Stolz. Ja, dieses Unwort. Ein böser Begriff, denn der Mensch im Kapitalismus kann sich Stolz nicht leisten und auch nicht erlauben- sonst ist er ganz schnell draußen.
Draußen, in der Wildnis.
Stolz jedoch hat auch etwas mit Selbstachtung zu tun. Stolz heißt nicht nur törichtes Machotum, wie in medial geführten Diskursen immer gern behauptet wird. Da heißt es, der dumme Stolz der jungen Männer, immer wieder gern am Beispiel radikaler Glaubensverfechter festgemacht, sei in erster Linie eine Ursache von Gewalt, Irrationalität, Unterdrückung.
Deshalb sind wir Menschen in den Industrienationen ja auch so „frei und sicher“, weil die lange Zeit des Kapitalismus uns den Stolz so nachdrücklich ausgetrieben hat. Sicher, instrumentalisierter Stolz, Stolz, der sich an Stellvertretern orientiert, ist eine Gefahr. Das zeigen Weltmachtsphantasien der Vergangenheit und der Gegenwart. Aber ist es nicht seltsam, daß nur diese Arten von Stolz im kapitalistischen System akzeptiert werden? Etwa der amerikanische Nationalstolz als Motor der rüstungsindustriellen Profitsteigerung oder auch die immer einmal wieder geführten Debatten in Deutschland um die vermeintliche Notwendigkeit eines neuen Nationalstolzes, der immer dann besonders dringlich gefordert wird, wenn es darum geht, daß die Menschen noch mehr Zumutungen bereitwillig „zum Wohle des Landes“ ertragen sollen.
Individueller Stolz hingegen ist verpönt. Wie könnten die Menschen auch stolz sein, wo sie sich doch anbieten und verkaufen müssen, um einigermaßen „in Würde“ leben zu dürfen. Auch das wieder so eine zum Allgemeingut erhobene Zurechtdefinition. Da sagen dann etwa Politiker (siehe „Worte des Wandels“) „ein selbstbestimmtes Leben in Würde“ sei nur möglich durch Erwerbstätigkeit. Und keinem scheint der grundlegende Widerspruch zwischen „selbstbestimmt“ und nur einigen Annehmlichkeiten der modernen Arbeitswelt aufzufallen. Noch gibt es die Fließbänder. Wahrscheinlich wird es sie immer geben. Und die der mechanischen Monotonie enthobene Fließbandproduktion von Ideen, wie sie in den sogenannten gehobenen Beschäftigungsverhältnissen üblich ist, ist ja auch nicht gerade eine Errungenschaft an Freiheit.
Was das Ganze mit Würde zu tun hat, bleibt schleierhaft. Natürlich, man kann sich dann selbst finanzieren, aber ist die Würde nicht eher häufiger der Preis als der Lohn?
Seht mich an, ich bin klein so wie Ihr mich haben wollt. Darf ich Euch nun dienen? Bitte, Bitte.
Aber wir sind ja alle aufgeklärt. Derlei im Verborgen schlummerndes Unbehagen lächeln wir doch ganz lässig weg. Denn der Boss ist ja unser Freund, auch der Aufseher, der unsere Leistungskraft überprüft wenn wir nur brav sind, ganz lieb und emsig. >