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Gespensterblicke III - Spiegel
Ein Essay
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Den Boden bereitet für den so bequemen Umgang des Kapitalismus mit den Menschen ohne Stolz hat wohl einst die Herrschaft des Klerus. Die Menschen haben nicht zu murren, hieß es da, wenn man ihnen allerlei Abgaben abverlangt. Das wurde dann religiös begründet, Stolz zur Todsünde erklärt und die Menschen waren in ihrer Furcht vor dem strengen Gott fortan brav. Klerus und Königshäuser rieben sich die Hände. Seltsam, daß der Kapitalismus sich der Ängste des Mittelalters bedient.

Heute ist es nicht mehr die Angst vor dem strengen Gott, sondern die Angst vor dem Ausschluß, die die Menschen im Hamsterrad gefangen hält. Das Opium fürs Volk ist nicht mehr die Religion, sondern die massenmediale Vernichtung von Verstand und Gefühl. Aber dem Stolz haftet nach wie vor etwas sündhaftes an, so als seien die ältesten Tabus ins Erbgut der Menschen eingebrannt.

Jetzt werden wieder Bücher geschrieben über deutsche Tugenden. Mit aufklärerischem Anstrich wird da von Nobelinternats-Leitern wieder Zucht und Ordnung gefordert. Das Ideal des obrigkeitshörigen Deutschen, der seine Selbstachtung am besten gar nicht erst entwickelt. Das gefällt den herrschenden Eliten. Daß scheinbar ohnehin schon die meisten Eltern ihre Kinder zu obrigkeitsfrommen Menschen ohne Haltung machen, läßt sich an der erdrückenden Apathie im Land ablesen – Hoffnungslosigkeit, aber auch Daseinsmüdigkeit.

Andererseits wird auch Aktivität gefordert. Einige Schreiber und Schreiberinnen beklagen die „German Angst“, die auf die Zeit des Hitler-Regimes und der folgenden „Niederlage“ zurückgehe. Diese Deutsche Angst sei jedenfalls die Wurzel allen Übels und der Grund dafür, daß die Deutschen einfach nicht so gut drauf seien, wie die tollen Amerikaner, die selbst im größten Elend immer noch ihre Zähne zum Lächeln fletschen können. Ein falsches Lächeln zwar, aber immerhin.

Diese „tollen Amerikaner“, die man uns als Positivbeispiel im Gegensatz zu unserer deutschen Negativität immer wieder um die Ohren haut, sind nicht mehr als eine ideologische Konstruktion. Die wirklichen Menschen in den USA können für diese Instrumentalisierung nichts. Darauf sollte zuweilen hingewiesen werden, weil der verbreitete Antiamerikanismus nicht zuletzt eine Reaktion auf die ständigen Appelle irgendwelcher Herrenmenschen in deutschen Talkshows sein mag, in denen es immer heißt „Den Amerikanern geht es viel schlechter als euch und dennoch strotzen sie vor Tatendrang und Zuversicht, lassen sich nicht unterkriegen mit ihrem Optimismus und ihrem Siegeswillen.“. Natürlich könnte man „die Amerikaner“ hassen, wenn es dieses Konstrukt in dieser allgemeingültigen Form wirklich gäbe. Auch wenn sich die dortige Verblödungsmaschinerie wirklich sehr bemüht, ganz so dumm und pflegeleicht sind auch dort die Menschen nicht. Nicht alle zumindest - und leicht zufriedenzustellende Happy Clappies gibt es ja auch hier nicht wenige.

Also vorwärts, in die Hände wird gespuckt - und aktiv und selbstbestimmt geht es sehenden Auges und mit stählernem Lächeln in den Abgrund.

Selbstachtung ist ein Ausdruck von Lebenswillen. Das eine wird ohne das andere brüchig. Die Menschen geben sich mit der Hoffnung zufrieden, wenigstens noch in Frieden sterben zu können. An ein gutes Leben glaubt schon keiner mehr.
Und dann werden die Leute noch beschimpft für ihre Apathie. Von den kommentierenden Journalisten, den Regierenden und den „Du bist Deutschland“-Köpfen, ganz zu schweigen von der Selbstmitleids-Polizei, die überall auf Streife unterwegs ist.

Auch die Sozialkontrolleure sind fleißig unterwegs. Das kann das Fernsehen wahrlich bezeugen.
Bald könnten sie auch an unserer Türe klopfen, um nachzuschauen, ob wir auch nichts verstecken, was eine Wert hat – einen Wert, der höher ist, als unser eigener.

Man flüstert, nicht wirklich hörbar. Wenn einer nachfragt, behauptet man, man habe nichts gesagt. Aber im nächsten unbeobachteten Moment, im Vorbeigehen, flüstert man es dem Bürokraten noch einmal ins Ohr. Und vielleicht kommt es an, ganz leise, an allen Barrikaden vorbei.
„Kennst Du Deine Toten?“

Man verwende keine Ausrufezeichen, kein Geschrei. Das würde nur Aggression und somit Nervosität erkennen lassen. Es geht nicht um Aggression. Es geht um Klarheit.

Wenn im Fernsehen die Sozialkontrolleure gefragt werden, warum sie den so einem unfreundlichen Broterwerb nachgehen, sagen sie oft, daß es zwar kein toller Job sei und ihnen die Leute ja manchmal leid täten, aber es sei immer noch besser, als selbst auch noch dem Staat „auf der Tasche zu liegen.“ Wie der Staat mit jenen Unglücklichen umgeht, wissen sie ja selbst am besten aus ihrer alltäglichen Berufspraxis.
Es ist besser zu schlagen, als geschlagen zu werden. Das lernen wir früh. Es gibt viele Freiwillige, die uns diese Regel des Überlebens im sozialen Kontext nahebringen.

Das ist auch die Maxime der Bürokraten. Um den Anschein des Barbarischen zu verdecken, klammern sie sich an Paragraphen. Das wirkt aufgeklärt, nüchtern und rechtmäßig. Aber die Paragraphen können nicht die Kälte und Feindseligkeit der herrschenden Ordnung maskieren – und nicht die Armseligkeit ihrer Vollstrecker. >

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© Andre Seifert, 2006
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