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Gespensterblicke III - Spiegel
Ein Essay
-Seite 6-
III. Das Leben ein rebellischer Akt

Und überall werden Todesaufforderungen verteilt. An die Leistungsunwilligen und die Leistungsunfähigen. An die Alten und die Kranken. An die Jungen – aber die interessieren eh niemanden. An die Häßlichen und die Traurigen. An die Raucher und die Übergewichtigen. An alle, denen das Lachen vergangen ist, die nicht mehr die Zähne zum Lächeln fletschen können und die sich immer noch weigern, die Ausgrenzungsspielchen mitzuspielen, während die guten Bürger damit beschäftigt sind, mit ihren Fingern auf andere zu zeigen, die sie als „Schmarotzer“ zu erkennen glauben – auf dem Weg in die Denunziationsgesellschaft. Die Ausgrenzungsmaschine läuft auf Hochtouren. Sie weiß gar nicht mehr, wohin sie noch zielen soll. Alle möglichen Feinde schon denunziert, das ganze Feld schon abgegrast.

„Du bist schuld und Du bist schuld und Du und Du und Du da drüben auch. Ihr, die Last der Solidargemeinschaft. Ihr, die ihr meint es gebe ein Recht auf Zufriedenheit, ein Recht auf Glück.“ „Da lachen wir doch nur!“ tönt es blechern aus der Ausgrenzungsmaschine - und die Selbstmitleids-Polizei lacht fleißig mit und die Happy Clappies formieren sich zur La Ola-Welle.
Und lachend gehen sie unter in der Dunkelheit, die sie nähren.

Was kommt als nächstes? „Die Menschen atmen zuviel – das kostet zuviel Zeit, die auch Geld ist. Sie sind zu jung wenn sie geboren werden - sie kosten zuviel Geld bis zu ihrer Verwertbarkeit.“
Das Gelächter hat derzeit noch die größere Durchsetzungskraft.

Mit den meisten Todesaufforderungen sieht sich das Individuum in völliger Isolation konfrontiert. Niemand anderes bekommt davon etwas mit. So ein Mensch, dem die Todesaufforderungen bevorstehen, der wird ja auch meist rechtzeitig verlassen, wie das sprichwörtliche sinkende Schiff von den Ratten. Und so wissen die meisten Menschen nichts von jenen Aufforderungen, den ganz vernünftigen Ratschlägen und Schlußfolgerungen, die andere einem Menschen nahelegen, wenn sie etwa auf Ämtern sagen, daß keiner den Menschen haben wollen wird, daß er zu alt ist und sein letzter Zug leider schon längst abgefahren sei.

Manchmal, wenn man Bürokraten in Ämtern zuhört, bekommt man das Gefühl, der Zug sei mittlerweile für die meisten Menschen schon mit der Geburt abgefahren.
Keine Zukunft ohne den Lebenslauf, der vom Elite-Kindergarten über die Elite-Schule und die Elite-Uni in zahllosen Praktika und Auslandsaufenthalten mündet, an deren Ende dann einige derart begünstigte Lichtgestalten auch nicht viel erfolgreicher dastehen. Aber die können dann wenigstens das gute Gefühl haben, nicht selbst an ihrer Misere schuld zu sein, während sich alle anderen gefälligst schuldbewußt zu ducken haben.

Aber wie kann man überleben, wenn man so allein den Todesaufforderungen ausgesetzt ist?

Das Warten auf die Verwirklichung von Utopien eines menschenwürdigeren Lebens ist keine gute Überlebensbasis für das von allen verlassene Individuum. Niemand, der sich noch für ein bißchen chancenreicher hält, wird mit dem Entsorgten gemeinsame Sache machen wollen. Es ist eine trostlose Wahrheit, aber sie muß ausgesprochen werden: Solange die Leute meinen, sie könnten es doch noch zu irgendeiner erstrebenswerten Position im System bringen, wenn sie nur brav sind und ihren Haß nicht nach außen dringen lassen, wird es keine Bewegung geben. Es wird niemals eine Bewegung der Gespenster geben. Vielen, denen die Idee eigentlich gefällt, stellt sich eben noch zuerst die Frage „Erhebe ich meine Stimme oder mache ich vielleicht doch lieber noch ein unbezahltes Praktikum und komme dann vielleicht endlich an mein wirkliches Ziel?“

Die Gespenster haben andererseits die frustrierten Uni-Absolventen gar nicht nötig, die nun nur deshalb mit der Systemkritik flirten, weil ihre eigenen Träume von der Karriere im Kapitalismus sich nicht so ganz zu erfüllen scheinen. Haltung ist kein Fast Food für Möchtegern-Eliten.

Ein wirkliches Gespenst kennt seinen Platz. Draußen. Allein. >

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© Andre Seifert, 2006
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