Die Klarheit des Sehenden, der den eigenen Untergang gelassen kommen läßt. Was wird sie auslösen?
Ehrfurcht? Respekt? Angst?
Sicher nicht.
Aber Ratlosigkeit, Unverständnis und - was am wichtigsten ist das Unbehagen der Systemgläubigen.
„Sieh an, sie sind gar nicht so klein, die Menschen außerhalb. Sie stehen aufrecht, wie unverschämt.“ Und die Spiegel bezeugen jene Überheblichkeit und Einfalt.
Der mächtigste Akt der Rebellion in dieser Phase der Unterdrückung der gesamten Menschheit ist die Weigerung des Individuums, den zahlreichen Todesaufforderungen nachzukommen. Denn solange diese Todesaufforderungen gesprochen werden, kann niemand so tun, als fänden sie nicht statt. Sie erscheinen in den Spiegeln. Ist die Welt erst einmal von all denen befreit, gegen die die Urteile gesprochen und denen das schnelle Sterben empfohlen wird, dann können all die kleinen Musterschüler des Systems behaupten, es sei alles in Ordnung und es gebe keine Gewalt.
Der Auftrag an die Ausgegrenzten ist es, mit ihrem Leben die Gewalt des herrschenden Systems, den Vernichtungswillen der verwalteten Welt zu bezeugen, zu spiegeln. Darin liegt ja die Wurzel des Hasses des Systems und der in ihm Funktionierenden gegen die Außenstehenden. Deren pure Existenz zeigt auf, wie mit ihnen verfahren wird und was sich da zeigt, ist für das System nicht wirklich schmeichelhaft.
In der Reflexion, der Spiegelung, erschließt sich dem unerwünschten Individuum ein neuer Stolz.
Und Stolz, die Wiedererlangung von Stolz, ist in dieser Zeit ein Überlebensprojekt.
Ein Stolz, der aus der Brechung entsteht, wird zur Waffe, mit der das die Brechung vollziehende System sich dann letztendlich selbst ad absurdum führt.
Das Leben selbst wird zur Waffe. Darin besteht der revolutionäre Akt.
Der todestrunkene Terror, der die Welt in Angst zu ertränken versucht, betrachtet das Leben als Zielscheibe. Darin offenbart dieser Terrorismus eine entlarvende Parallele zum System, das er eigentlich zu bekämpfen vorgibt. Die Opfer sind in beiden Fällen die gleichen.
Doch wenn das Leben selbst als Waffe betrachtet wird, die allein dadurch mächtig ist, daß sie reflektiert und abbildet die Macht die an ihr verübt wird, die Gewalt und Dominanz, der sie sich unterworfen sieht findet eine wirkliche Opposition zum globalen kapitalistischen Herrschaftssystem statt.
Ein poetischer Akt, der dem Wunsch zu überleben entspringt vielleicht der einzige legitime Grund für menschliches Handeln überhaupt.
Die Waffe Leben: Ihre Kraft ist nicht Zerstörung sondern Überwindung.
Wenn das eigene Leben, der eigene Körper ein Demonstrationsobjekt für gesellschaftliche Gewalt und Unterdrückung ist, dann besteht eine Verantwortung, am Leben zu bleiben, um eben diese Erfahrungen gesellschaftlicher Gewalt aufzuzeigen, sich selbst als Spiegel ernstzunehmen und zu achten.
Am Leben bleiben. Das ist ein Vorschlag, ein Angebot im Kosmos der Ideen. Kein Befehl, keine enorme Weisheit, keine große Erkenntnis, weder einzige Wahrheit noch letzter Schluß.
Nur ein Angebot, das hoffentlich verlockender sein wird, als die Einwilligung in den von außen nahegelegten Selbstmord.
Denen, die gehen wollen, weil sie nicht mehr anders können, soll dargelegt werden, daß sie gehen dürfen ohne Schuld und mit Liebe, die sie begleiten mag. Und denen, die bleiben wollen oder noch zögern, muß glaubhaft gemacht werden können, daß sie sehr willkommen sind in dieser Welt, daß Unterstützung für sie da sein wird.
Es wird schon zuviel mit Schuld und Zwang gearbeitet. Es sollte kein ideologischer Zwang ausgeübt werden, damit die Menschen sich für das Leben entscheiden. Es sollte denen keine Schuld aufgebürdet werden, an deren Vernichtung man zuvor beteiligt war und die einfach nur noch weg wollen aus diesem Leben. Diese Freiheit müssen sie haben, aber es soll eine Freiheit sein, die nicht auf Gleichgültigkeit beruht, sondern auf Liebe. Und das ist die beste Einladung, um es mit dem Leben vielleicht noch ein Weilchen länger zu versuchen und dann vielleicht noch ein Weilchen.