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Carly Simon
Into White
Werdegang der Künstlerin, Seite 4

2005 ging sie dann letztendlich wieder mit Richard Perry ins Studio, der mittlerweile für eine Reihe ausgesprochen erfolgreicher und dabei ausgesprochen seichter Standards-Alben von Rod Stewart berüchtigt war. Eines Tages kam Perry auf die grandiose Idee, das Stewart-Konzept einmal mit Carly Simon als Sängerin ausprobieren zu wollen. „Moonlight Serenade“ wurde recht billig produziert, noch ohne die Gewissheit, ob es überhaupt jemals veröffentlicht werden würde.

Als die Aufnahmen dann im Kasten waren, bot man sie diversen Plattenfirmen an und Sony/Columbia griff zu – schließlich war seichte Fahrstuhlmusik ja der ausgesprochen lukrative Trend in Amerika zu jener Zeit. Jeder einstmals erfolgreiche Popstar versuchte ein Comeback mit Sinatra-Songs, was meistens sogar klappte, weil das amerikanische Publikum plötzlich ganz wild auf die Musik der Goldenen 40er, 50er und 60er Jahre zu sein schien. Purer, dabei ausgesprochen konservativer Upperclass-Eskapismus im Post 9/11-Amerika.

Wohl nicht zuletzt aufgrund einer großen Marketing-Kampagne des Sony-Labels stieg „Moonlight Serenade“ sogar auf Platz 7 der amerikanischen Charts ein, was es zu Simons erfolgreichstem Album seit den 70ern machte.

Das Album wurde oft mit dem Argument gelobt, beziehungsweise verteidigt, Simon habe ein natürliches Recht diese Lieder zu singen, weil sie es schon vor allen anderen mit „Torch“ im Jahre 1981 getan habe. „Moonlight Serenade“ ließ aber die emotionale Tiefe, die gesangliche Glanzleistung und die einfallsreiche Instrumentierung vermissen, die zumindest „Torch“ und „My Romance“ über den Aspekt der Zeitreise hinaus interessant machte.

Carly Simon sang nicht wirklich schlecht, aber der Funke der Leidenschaft sprang nicht so recht über, den sie bei ihren bisherigen Standards-Alben immer zu transportieren verstand – und die Produktion, die zuviel Hall auf ihre Stimme legte und auch im Klang der Instrumente keine Wärme fand, ließ das Ganze noch etwas distanzierter und kälter wirken.

Glücklicherweise verkaufte sich das Album dann auf lange Sicht doch nicht so gut, daß eine spezielle Klausel aus ihrem Vertrag mit Columbia zum Tragen gekommen wäre, nach der sie verpflichtet war, im Falle einer bestimmten verkauften Stückzahl von „Moonlight Serenade“ ein weiteres Album der gleichen Machart folgen zu lassen. Das Beispiel Carly Simon zeigt deutlich, was von künstlerischer Freiheit in Zeiten der verbliebenen zwei oder drei Entertainment-Großkonzerne übriggeblieben ist. Andererseits hätte sie auch nicht in dieses System zurückkehren müssen. Als Künstlerin mit einer treuen Hörerschaft würde sie auch ohne die PR-Maschinerie eines Major-Labels noch viele Konsumenten erreichen, wenn sie beispielsweise ihre Musik nur online vertreiben würde.

Statt „Moonlight Serenade 2“ ist nun aus ihrem neuen Album dankenswerterweise eine ganz andere musikalische Reise geworden. Auch diesmal geht das Konzept nicht wirklich auf Simons eigene Wünsche zurück – sie hätte eigentlich lieber eine Rock'n Roll-Platte mit eigenem Material veröffentlicht, aber die Columbia-Chefs entgegneten, daß sich niemand dafür interessieren würde, was eine Frau ihres Alters zu sagen habe. Der bei Columbia für Projekt-Koordination zuständige Jay Landers, der in erster Linie für die Betreuung zahlreicher Barbra Streisand-Alben bekannt ist, schlug vor, daß Carly ein Album mit Wiegenliedern für Kinder und Erwachsene aufnehmen solle, weil dies seiner Ansicht nach Frau Simon am besten liegen würde und sie ein solches Album wieder ein Stück weit mit ihrem teilweise entfremdeten Stammpublikum zusammenbringen könne.

Das klingt also nach einer weiteren stromlinienförmigen Marketing-Geburt. Und so konstruiert und auf ein mögliches Zielpublikum zurechtgeschnitten das auch sein mag, es funktioniert überraschenderweise dennoch, weil es Carly Simon gestattet, ihre Stärken zu entfalten. >

Einführung: I / II / III / IV
Das Album: Into White - I / II
Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2007
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