Geschichten
Essays
Erfahrungen
Reviews
Design
Muse
Carly Simon
Into White
Das Album, Seite 1

Allein der Titel des neuen Albums ist ein deutliches Statement, wird doch eine große Anzahl Simons treuer Fans auch mit dem Werk Cat Stevens zumindest so weit vertraut sein, um zu ahnen, daß es sich hier um einen ganz besonders schönen Song von dessen Album „Tea for the Tillerman“ handelt. Die Entscheidung, diesen Song zum Titelstück ihres neuen Albums zu machen, signalisiert eine Rückkehr zu Simons eigenen musikalischen Wurzeln, wurde doch ihr erstes großes Album „Anticipation“ (dessen Titelsong wiederum von einer Begegnung mit Cat Stevens handelt, mit dem Carly auch zeitweilig liiert war) von Paul Samwell-Smith produziert, der eben auch die klassischen Cat Stevens-Alben produzierte und dem das Album „Into White“ nun gewidmet ist.

Samwell-Smith setzte als Produzent für Carly Simon auf sparsamere Arrangements als beispielsweise Richard Perry und Arif Mardin und rückte stets ihre Folk-Wurzeln in den Mittelpunkt, was auch beim Album „Have You Seen Me Lately?“ (1990) positiv zur Geltung kam. Daß Simon sich nun erneut auf Samwell-Smith bezieht, deutet darauf hin, daß sie mittlerweile weiß, wo ihre Stärken liegen.

Es beginnt mit dem Titelstück, das Stevens Originalversion recht treu bleibt, allerdings in der Instrumentierung etwas mehr Ausstattung wagt und den Song somit noch traumwandlerischer und geheimnisvoller anmuten läßt. Tatsächlich ist hier zum ersten Mal seit 1972 wieder der klassische Carly Simon-Sound zu hören. Die größte Wirkung entfaltet allerdings Carlys Stimme, die unvergleichlich warm und dunkel dem Song eine magische Aura verleiht.

Der Grundton ihrer Stimme war schon immer recht tief, was man schon bei einigen ihrer frühesten Aufnahmen hören kann – aber meist hat sie doch in höheren Tonlagen gesungen, immer sehr klar und kraftvoll, was zuweilen dann etwas schrill klingen konnte.
Im Laufe der Jahre hat sich ihre Stimme zunehmend insofern verändert, als sie in den hohen Tonlagen voller und in den Tiefen noch wärmer klang. Und nun erreicht sie spielend Tiefen, von denen selbst Leonard Cohen wohl nur träumen kann, während ihre Stimme in den hohen Tonlagen allerdings nicht mehr ganz so kraftvoll ist, was aber nicht wirklich stört. Sie singt diese Lieder nun anders, als sie es vor 30 Jahren getan hätte, aber das allein ist ja nicht zwangsläufig ein Makel. Ihr Gesang ist nun entspannter und zarter, was auch sehr gut zu den hier versammelten Songs passt.

Das Wiegenlied-Konzept wird eigentlich schon beim ersten Song über Bord geworfen, weil hier die Dynamik im Rahmen der Instrumentierung doch recht komplex und auch kraftvoll ist.

Der zweite Song „Oh! Susanna“ ist da schon eher dem Konzept entsprechend angelegt, so sanft ist hier das Arrangement, das ganz auf dunklere Elemente verzichtet. Auch der Gesang ist hier eher zart gehaucht. Dennoch ist auch dieser alte Folksong nicht wirklich als Schlummerlied zu betrachten, ist er doch eher im Uptempo-Bereich anzusiedeln.

Mit „Blackbird“ folgt ein besonderer Höhepunkt, wendet sich Carly Simon doch hier einem Klassiker der Beatles zu, was insofern nicht allzu überraschend ist, als beispielsweise Paul und Linda McCartney einst als Backgroundsänger auf dem „No Secrets“-Album gastierten und Ringo Starr auf „Playing Possum“ trommelte. Auch hieß es vor einigen Jahren auf ihrer offiziellen Website, Carly Simon arbeite mit Paul McCartney an neuen Songs, aber davon hörte man dann nichts mehr.

Ihre Interpretation von „Blackbird“ besticht durch ihren sehr gefühlvollen Gesang, wobei sie hier erstmals auf dem neuen Album erkennen läßt, daß sie tatsächlich noch kraftvoll in höheren Tonlagen singen kann. Und es klingt einfach wunderschön, nicht im geringsten angestrengt. In den Liner Notes schreibt sie, daß es sich hierbei um den Song handelt, mit dem sie sich am meisten identifizieren kann – und diese starke emotionale Bindung ist dieser Aufnahme deutlich anzuhören.

Sehr persönlich wird es mit „You Can Close Your Eyes“ von James Taylor. Den Song trägt sie hier im Trio mit den beiden gemeinsamen Kindern Sally und Ben vor, die beide ebenfalls professionell als Sänger und Songwriter tätig sind. Eine äußerst intime, vielleicht fast etwas zu intime Angelegenheit. Wenn man die familiären Verwicklungen einmal ausblendet, bleibt eine sehr schöne, verträumte Aufnahme eines ebenso schönen und verträumten Liedes – das erste, welches den Titel Wiegenlied wirklich zurecht tragen könnte.

Mit „Quiet Evening“ folgt der erste von lediglich zwei neuen Songs. Geschrieben hat das Stück der junge britische Songwriter David Saw, was insofern erstaunlich ist, als es wie der Inbegriff eines klassischen Carly Simon/James Taylor-Songs anmutet. Das Lied wäre auch auf einem von Carlys Alben aus den mittleren siebziger Jahren oder auch einem Album von James Taylor aus dieser Zeit gut aufgehoben gewesen. Eine Mischung aus dem typischen Mitsiebziger-Westcoastpop-Stil und leichtem Loungejazz, mit einem dezenten Folkeinschlag. Niemand könnte diese Art von Musik besser singen als Carly Simon – und so schreibt sie auch in den Liner Notes, daß dies das Lied sei, das ihr beim Singen am meisten Freude bereite. >

Einführung: I / II / III / IV
Das Album: Into White - I / II
Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2007
Editorial Über Muse Links Impressum