Ein eher ungewöhnlicher Beitrag ist ihre Interpretation von „Manha De Carnaval“ aus dem Film „Orfeo Negro“. Ein langsamer Bossa Nova, den Carly sowohl sehr sinnlich als auch mit einer gewissen abgeklärten Traurigkeit interpretiert. Ihre künstlerische Reife kommt hier vielleicht am bestem zum Tragen. Auch fügt sich das Stück sehr harmonisch in den Kontext ein, in rhythmischer Hinsicht wurde vom vorangegangenen Stück auf diesen Song vorbereitet und im folgenden Stück, setzt sich der aus amerikanischer Sicht exotische Flair fort.
„Jamaica Farewell“ ist ein Harry Belafonte-Stück, das Carly Simon in etwas tieferer Stimmlage vorträgt. Hier tritt das Wiegenlied-Konzept wieder etwas stärker in den Vordergrund die Instrumentierung ist sehr sanft gehalten und statt partytauglichem karibischen Flair wird hier eine sehr verträumte und intime Kalypso-Variante dargeboten. Der Song geht nahtlos in den nächsten über, den Klassiker „You Are My Sunshine“.
Bei diesem Song denkt man womöglich an Hollywood-Filme, in denen glückliche Eltern auf Autofahrten besagtes Lied im Chor mit ihrem Nachwuchs trällern. Gebräuchlicherweise wird das Lied mit einer flotten Banjobegleitung dargeboten. Daß man den scheinbar extrem fröhlichen Text aber auch ganz anders auslegen kann, demonstriert Carly Simon hier mit einer ungewöhnlich langsamen Interpretation, die nur von sparsamen Piano-Akkorden begleitet wird. Und plötzlich wirkt dieses Lied todtraurig.
Allerdings hätte dem Album vielleicht gerade an dieser Stelle ein etwas gesteigertes Tempo gut getan, eignet sich dieser Song doch hervorragend dazu, sich ganz einer beschwingten Spielfreude hinzugeben.
Das folgende Kinderlied „I Gave My Love A Cherry“ wird ebenfalls sehr melancholisch interpretiert und bleibt was Instrumentierung und Tempo betrifft dem Vorgänger treu.
Dann folgt ein Song, den Carly Simon bereits 1978 auf ihrem Erfolgs-Album „Boys In The Trees“ im Duett mit ihrem damaligen Gatten James Taylor präsentierte. Diesmal geht sie die Sache weniger leidenschaftlich und eher in sanft gehauchter Manier an. Allerdings beendet sie mit dem Song die Reihe sparsam arrangierter Pianoballaden zugunsten eines sehr weichen, aber wieder etwas folkorientierteren Sounds. Gegen Ende wird der Song mit einem weiteren Everly Brothers-Klassiker, „ All I Have To Do Is Dream“ verknüpft, ein Song den man sich in ganzer Länge eigentlich schon immer einmal gern von Frau Simon dargeboten angehört hätte, passt er doch hervorragend zu ihrer Art des Gesangs.
„Scarborough Fair“ wagt sich in dunklere Gefilde, wieder ganz im klassischen Sound früher Cat Stevens- und Carly Simon-Platten. Beim ersten Hören bemerkt man eigentlich keine größeren Unterschiede zur sicher bekanntesten Version des Songs von Simon & Garfunkel, allerdings erschließen sich mit der Zeit doch einige Veränderungen. Zunächst wäre da natürlich hervorzuheben, daß der Text, den Carly Simon hier vorträgt, ein anderer ist als der bekannte. In gesanglicher Hinsicht setzt Carly im Gegensatz zu Art Garfunkel eher auf einen dunklen Sprechgesang, der mit der leicht mystisch wirkenden Instrumentierung (unter anderem einer verhallten, weit entfernten Flöte) eine verwunschene Atmosphäre heraufbeschwört.
Der Judy Garland-Song „Over The Rainbow“ ist wohl in erster Linie auf Empfehlung der Plattenfirma auf dem Album, hätte er doch thematisch auch gut auf das überaus erfolgreiche Swing-Album „Moonlight Serenade“ gepasst. Das neue Album wird durch den Song nicht wirklich bereichert. Man hat diesen Song einfach schon zu oft und von zu vielen Interpreten gehört, als daß er noch irgendeine emotionale Wirkung entfalten könnte. Hier wird er im selben Stil wie auch schon „You Are My Sunshine“ und „I Gave My Love A Cherry“ vorgetragen, allerdings um eine für den Song unübliche Gitarrenbegleitung bereichert.
„Love Of My Life“ ist das einzige von Carly Simon verfasste Stück auf dem Album, allerdings kein neues, sondern eine Neuaufnahme eines Songs von 1992. Die hektischeren Passagen des Originals werden hier weggelassen und der Song wirkt nun sehr einfach, klar und schön.
Das Album endet mit „I'll Just Remember You“, dem zweiten wirklich neuen Stück verfasst von David Saw und Carly Simons Sohn Ben Taylor. Hier spielt Carly auch endlich einmal wieder selbst Gitarre, während sie bisher auf dem Album eigentlich nur gesungen hat. Der Song selbst hat einen schönen, sentimentalen Text und eine schlichte, einprägsame und dennoch elegante Melodie. Bemerkenswert ist aber in erster Linie Carlys Gesang, zeigt sie hier doch tatsächlich noch einmal ihre ganze alte Größe. Während man in Anbetracht einiger anderer Songs des Albums, bei denen so viel Hall über ihre Stimme gelegt ist, daß man sie kaum noch aus der Hallkulisse heraushören kann, den Eindruck gewinnen könnte, daß nicht mehr sehr viel von der Stimme übriggeblieben sei, zeigt sich bei dieser ganz unverfremdeten Aufnahme, daß ihre Stimme immer noch strahlen kann.
Das Album „Into White“ ist sicher nicht perfekt, fehlt ihm vielleicht ein bißchen auflockernder Schwung an der ein oder anderen Stelle oder ist das ein oder andere Stück nicht wirklich ein Gewinn hinsichtlich des Konzeptes und der grundlegenden Stimmung. Dennoch präsentiert es Carly Simon auf dem Höhepunkt ihres Könnens als Interpretin und Finderin neuer und oft sehr dunkler Akzente in Liedern, die auf den ersten Blick vielleicht keine neuen Reize mehr in sich zu bergen scheinen. Vor allem ist das Album, unabhängig von der leider recht fremdbestimmten Natur seiner ursprünglichen Konzeption, am Ende dennoch eine sehr intime, gefühlvolle Rückkehr Carly Simons zu ihren eigenen musikalischen Wurzeln geworden. Und das Ergebnis ist aufgrund dessen nicht nur bewegend, sondern auch einfach wunderschön.