Auf ihren ersten beiden Alben fanden sich Stücke polnischen und irischen Ursprungs, allen gemein war eine Eleganz und Zartheit, die in der damaligen Folkszene nicht unbedingt üblich war.
Im eher rauhen und spröden Ausdruck der neuen Folkmusik , die in den frühen 60er Jahren einer Protestbewegung Kraft verlieh und in erster Linie der politischen Meinungsbildung verschrieben war, war Judy Collins eine Ausnahmeerscheinung, - ein Status, der ihr noch heute gebührt. Dabei war Judy keineswegs eine apolitische Künstlerin. Nicht zuletzt ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung führte sie überhaupt erst an diese Art von Musik heran. Doch im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, deren Lieder wie gesungene Pamphlete daherkamen, verstand Judy es bereits in jungen Jahren, in ihrer Kunst mit Emotionen zu arbeiten und dadurch oft größeren Eindruck zu hinterlassen als so manch rechtschaffene Rezitation der gängigen Protestsongs.
Selbst wenn sie ein so universell eingesetztes und auf keinem Zusammentreffen von Barden und Liedermachern fehlendes Stück wie "Blowin' in the Wind" sang, so wurde durch die Art ihres Vortrags eine Art apokalyptisches Wiegenlied daraus - zart, versponnen und dabei ein lebendiges Gefühl der Bedrohung hinterlassend (-zu hören auf "Live at Newport"). Wenn der Musikerin Judy Collins von Anbeginn etwas fremd war, dann war es Pathos. Die alten Lieder, die sie sang, befaßten sich mit Themen wie der Todesstrafe, der endlosen Schufterei, der Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen, aber die in den Texten mitschwingende Anklage wurde dabei nicht noch einmal in besonderem Maße unterstrichen. Judy war als Interpretin stets klug genug, zu wissen, daß man auf manche Mißstände nicht erst hinweisen muß und daß empörtes Gebaren des Sängers meist eher theatralisch als notwendig und angemessen ist. So konnte sie in lässiger Beschwingtheit eine sarkastische Ode an die Selbstentleibung singen und hatte ihre Freude an den zustimmend amüsierten Reaktionen ihres Publikums ("Silver Dagger" auf "Live at Newport").
Judy Collins war stets eine politische Künstlerin, doch darüber hinaus boten ihre dunklen Lieder ihren Hörern auch einen Zufluchtsort voller Poesie und Schönheit, was nicht zuletzt auf ihren ganz eigenen Interpretationsstil zurückzuführen ist. Sie war nie eine Sängerin, die den dramatischen Ausdruck und die großen Gesten zu ihrer Domäne erklärt hätte. Ihr Gesang ist seit jeher unaufgeregt und natürlich und dabei vermag sie es, mit ihrer Stimme Trost und Geborgenheit zu vermitteln wie keine andere Sängerin. Sie wurde von Kritikern und Kollegen häufig als "the singer's singer" gepriesen. Leonard Cohen schrieb einmal, sie lasse die Lieder durch die Schönheit ihrer Stimme und den Mut ihrer Lebenserfahrung lebendig werden.
Die Folkmusik war selbst auf dem Höhepunkt der Bewegung keine kommerzielle Kunst. Die großen Plattenfirmen waren an dieser Art von Musik nicht interessiert, was dazu führte, daß es bereits in den 40er und 50er Jahren eine erste lebendige Independent-Szene jenseits des Mainstreams gab. Künstler, sofern sie neben der eigentlichen Domäne der Folksänger, ihre Musik live zu spielen, überhaupt die Möglichkeit zu Studioaufnahmen bekamen, veröffentlichten ihre Platten bei unabhängigen Kleinstverlagen. Aus dieser Szene entstand auch das Elektra-Label, bei dem Judy Collins ihre Karriere begann. Ihre ersten Alben kamen nicht einmal in die Nähe der Charts, dennoch wurde ihr die Möglichkeit geboten, beharrlich an ihrer Kunst weiterzuarbeiten. Das Folkpublikum abseits der Popcharts zeigte sich von Anfang an begeistert und auch die Kritiker entdeckten recht früh das außergewöhnliche Talent der Künstlerin. So konnte Judy Collins bereits mehrfach in der Carnegie Hall auftreten, bevor sie im herkömmlichen Sinne eine erfolgreiche Künstlerin wurde. Mitte der Sechziger sollte sich das Blatt dann auch in kommerzieller Hinsicht wenden. < >