Hatte ihre Musik zu Beginn ihrer Karriere durchaus eine rohe Kraft, - nicht zuletzt aufgrund ihres zunächst noch etwas tieferen, resoluten Gesangs -, so kehrte mit den Jahren immer mehr die klassische Musik in ihren melodischen Kosmos zurück.
So gilt Judy Collins als Initiatorin des Genres, welches gern als Kammerpop bezeichnet wird, womit die klassisch geprägte Instrumentierung und Arrangements bezeichnet werden, die sowohl orchestral, zugleich jedoch auch intim und sparsam angelegt sind.
Als Paradebeispiel dieses Genres gilt ihr Album "Wildflowers" (1967) auf dem neben ihren ersten eigenen Kompositionen, die der Klassik deutlich näher sind als dem traditionellen Folk, auch Stücke von Joni Mitchell und weitere Lieder Leonard Cohens vertreten sind, dessen Arbeit durch Judys Interpretationen auf ihrem Album "In My Life" ein Jahr zuvor erstmals einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Judys eigene Kompositionen bestachen neben ihrer musikalischen Virtuosität auch insbesondere durch ihre bilderreichen, poetischen Texte. Ihre eigene Musik stand für eine dunkle Romantik, wofür ihr Song "Albatross" ein besonders prägnantes Beispiel ist. Bereits die ersten Zeilen des Liedes rufen Bilder voller Schönheit, jedoch auch von gewisser Schwermut hervor: "The Lady comes to the gate, dressed in lavender and leather/ Looking north to the sea, she finds the weather fine..."
Das Lied handelt von einer Frau, die in ihrer Einsamkeit und Entfremdung völlig isoliert von der Welt der Menschen um sie herum ist, - die sich fragt, ob jemals der vielbeschworene Prinz kommen wird, der mit ihr davonreiten wird. Dabei bleibt aber offen, ob es nicht viel eher der Tod ist, der ihr in verwunschenen Nächten zuruft, sie möge mit ihm gehen.
Eine besondere Würdigung ihrer Begabung als Komponistin und Texterin erfuhr Judy Collins durch Nina Simones kongeniale Interpretation ihres Songs "My Father".
Trotz ihrer eigenen Begabung als Songwriterin blieb Judy Collins eine Förderin junger Talente. Während in den ersten Jahren ihr Repertoire hauptsächlich aus traditionellen Folksongs und aktuelleren Stücken des bereits etablierten Pete Seeger, aber auch schon des gerade zu Ruhm gelangenden Bob Dylan bestand, wandte sie sich Mitte der sechziger Jahre auch einigen noch weitgehend unbekannten Songwritern zu. Das wunderbare "Who Knows Where The Time Goes" von Sandy Denny oder auch Randy Newmans "I Think It's Going To Rain Today" wurden nicht zuletzt dank Judys großartiger Interpretationen zu populären Klassikern. Sie feierte mit Mitchells "Both Sides Now" in einer überraschend poppigen Uptempo-Version und mit Cohens "Suzanne" große Erfolge. Ihr größter Hit ist jedoch wohl ihre Interpretation von "Amazing Grace". Das alte Traditional erlangte durch Judys Aufnahme neue weltweite Popularität, bescherte ihr einen Nummer 1-Hit und machte die Interpretin auch erstmals über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt. Eine Popularität, die allerdings nicht lange währen sollte, weil Judy Collins keine ausgedehnteren internationalen Tourneen absolvierte, was damals für internationalen Ruhm unerläßlich war. In Deutschland trat sie nur ein einziges Mal auf, vor begeistertem Publikum, aber einen ähnlichen Status wie ihre hierzulande bekanntere Kollegin Joan Baez, die über Jahrzehnte hinweg regelmäßige Gastspiele absolvierte, konnte sie nicht erreichen.
1970 indes, dem Jahr von "Amazing Grace" und des wunderbaren Albums "Whales and Nightingales" war Judy Collins nicht nur auf der Höhe ihrer Popularität, auch künstlerisch war sie auf dem Zenit angelangt.
In den folgenden Jahren schlug die gefeierte Folkmusikerin jedoch zunehmend neue, ungewohnte Töne an. Bereits auf "True Stories and Other Dreams" (1973), welches die Abkehr vom reinen Folkrock einleitete, unternahm Judy mit einer musicalartigen Ode an Che Guevara eine erste Exkursion in die abenteuerlichen Gefilde, die sie mit ihren folgenden Alben weiter ausloten sollte. Das Album "Judith" von 1975 hatte mit ihrer Interpretation von "City of New Orleans" zwar noch einen Hit in der Tradition ihrer früheren Erfolgsstücke zu bieten, das übrige Material war allerdings recht broadwaylastig. Die Aufnahme von "Send in the Clowns", einem Stück aus einem Stephen Sondheim-Musical, war in Amerika ein großer kommerzieller Erfolg, was Judy Collins in ihrer Ansicht bestärkt haben dürfte, die leichte Unterhaltungsmusik sei ein Bereich, in dem sie erfolgreich weiterarbeiten könne. Allerdings hatte diese Musik nichts mehr mit dem zu tun, womit Judy Collins zu einer Ikone der Folkszene wurde. < >