Mitte der 70er Jahre war die amerikanische Musikindustrie in einer gewaltigen Umbruchphase, die Zeiten in denen Plattenlabels von enthusiastischen Musikliebhabern gegründet und gepflegt wurden gehörten allmählich der Vergangenheit an.
Es war die Zeit der beginnenden Dominanz der Großkonzerne innerhalb der Musikbranche und nicht selten waren es die etablierten Künstler aus idealistischeren Tagen, die in diesen neuen Produktionsverhältnissen nicht mehr so recht ihre Stellung behaupten konnten, wofür die Karriere der Judy Collins neben vielen anderen ein anschauliches Beispiel ist. Jac Holzman verließ zu dieser Zeit das von ihm gegründete Elektra-Label, was einen entscheidenden Wendepunkt in den Karrieren zahlreicher Musiker bedeute und im Fall von Judy Collins besondere Relevanz hatte.
Das ursprüngliche Elektra-Label, in den frühern 50er Jahren von Holzman gegründet, machte sich schnell einen hoch geschätzten Namen als die Plattenfirma für neue Folkmusik.
In den frühen Tagen entsprach die Produktion der Alben dem Geist des musikalischen Genres, so wurde etwa Judys Debüt innerhalb von nur fünf Stunden aufgenommen, - man verzichtete auf eine besonders kostspielige Austattung und schuf somit Werke von hoher Authentizität und Unmittelbarkeit.
Neben den Folkmusikern und Singer-Songwritern der frühen Tage, die ihre Platten meist auf diese unkomplizierte Weise aufnahmen, gönnte sich Elektra auch schon bald einige besonders ausgefallene Musikproduktionen, was das Ansehen der Firma noch steigerte. So gesellten sich mit der allmählichen Erweiterung des musikalischen Spektrums Ausnahmekünstler wie die Incredible String Band, The Doors, MC5 und auch Nico zumindest zeitweise zur Elektra-Familie. Judy Collins blieb jedoch trotz aller Veränderungen bezüglich der musikalischen Ausrichtung des Labels stets im Zentrum des Geschehens.
Jac Holzman war es, der sie zur Produktion ihres ersten Albums überredete, obwohl sie damals selbst der Meinung war, noch nicht die nötige künstlerische Reife dafür erreicht zu haben. Holzman war sowohl Bewunderer als auch Förderer. Er unterstützte sie bei der Suche nach jungen, unbekannten Songwritern und brachte sie mit Produzenten zusammen, deren musikalisches Empfinden mit Judys Begabungen hervorragend harmonierte, - und er wußte, daß sein kleines Label vermutlich keine so beeindruckende Erfolgsgeschichte hätte werden können, wenn Judy Collins nicht durch ihre Popularität und ihr hohes Ansehen bei Publikum und Kritik zu diesem Erfolg beigetragen hätte.
Als dann Mitte der 70er allerdings David Geffen, -eher ein Unternehmer als ein Musikliebhaber, der nicht gerade für eine besondere Nähe zur Folkszene bekannt war -, das Zepter bei Elektra übernahm, war Judy Collins mit einer völlig veränderten Ausgangslage für ihr weiteres Schaffen konfrontiert.
Auf ihre Frage, was sie denn als nächstes in Angriff nehmen solle, riet ihr Geffen schlicht, sie solle einfach das tun, was sie will.
Statt mit einem Mentor wie Holzman es war, hatte sie es nun mit jemandem zu tun, der sich offenbar nicht besonders für ihre künstlerische Entwicklung interessierte. Erschwerend kam der radikale Umschwung der musikalischen Moden in jenen Tagen hinzu. Peter, Paul und Mary etwa waren längst im Vorruhestand, Woodstock-Ikonen wie Richie Havens und Melanie landeten recht schnell bei zuweilen obskuren Kleinstlabels und Folk galt im Allgemeinen als passé. Manchen etablierten Künstlern, wie etwa James Taylor und Carly Simon, fiel der musikalische Richtungswechsel eher leicht. Einige wenige, insbesondere Joni Mitchell und Paul Simon, konnten der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen und der Konfrontation mit den neuen Gegebenheiten im Musikbusiness sogar einige ihrer stärksten Werke abringen.
Im Allgemeinen galt es nun für Plattenfirmen bezüglich ihrer etablierten Stars möglichst die teuersten Produzenten und die größtmögliche Anzahl der angesagtesten Session-Musiker, die in diesen Tagen zu den eigentlichen Stars der Musikbranche erklärt wurden, zu engagieren.
Alben wurden mit kompletten Sinfonieorchestern in astronomisch teuren Studios in Los Angeles und Hollywood produziert. Als Meßlatte in punkto prestigeträchtiger Studioproduktion galten Alben von Paul Simon, James Taylor, Linda Ronstadt und Carly Simon. Als etablierter Künstlerin wurde auch Judy Collins von ihrer Plattenfirma diese Produktionsweise nahegelegt, was zur ernüchternden Einsicht führte, daß Starproduzenten wie Arif Mardin und Phil Ramone, die in Teamarbeit die beiden Alben "Judith" und das folgende "Bread and Roses" realisierten, für Frau Collins eben auch keinen anderen musikalischen Kosmos schaffen konnten oder wollten, als sie es für jede andere Künstlerin von Bette Midler bis Barbra Streisand auch taten. Die Alben waren zu jener Zeit nicht so sehr von der Identität der jeweiligen Künstler geprägt, als vielmehr vom typischen Sound des jeweiligen Produzenten. Zu manchem Star paßte dieser Sound dann besser, zu anderen weniger. Erfolgreich blieben jene Künstler, deren eigener Stil am besten mit den Produktionsverhältnissen harmonierte.
Judy Collins hingegen war auf der Suche nach Liedern und niemand schien mehr Folksongs zu schreiben. Mit ihren eigenen Kompositionen konnte sie noch nicht komplette Alben füllen und so führte sie ihre Suche nach textlich ansprechenden Songs fast zwangsläufig an den Broadway. Leider war die musikalische Sprache der Musicalkompositionen nicht ohne weiteres mit der des Folksongs in Einklang zu bringen, was unter anderem darin zum Ausdruck kam, daß Judys bisheriger Gesangstil nicht so recht mit ihrem neuen Material harmonieren wollte. Ihre Stärken als Folksängerin erwiesen sich im Bereich des zeitgenössischen, baladesken Popmaterials, das sie nun sang, als weniger zweckdienlich. So fanden sich auf ihren Platten nun in großem Umfang Songs, die man in dieser Art eher von Künstlerinnen wie Streisand oder teilweise auch Diana Ross gewohnt war, aber diese Lieder waren eben nicht für eine Folksängerin gemacht.
Die mütterliche Wärme und die abgeklärte Reife, die ihren Gesang bisher auszeichneten, paßten weder inhaltlich noch musikalisch zu den luftigen Popballaden. Ihre Bemühungen, sich gesanglich dem Material anzunähern, resultierten darin, ihre Stimmlage die ein oder andere Oktave nach oben zu verschieben. So dominierte ein schwereloser Sopran, der manchmal einen fast schlafwandlerischen Eindruck erweckte, einen Großteil ihres Materials zwischen 1975 und 1984. Als Sängerin demonstrierte sie erstaunliche Wandlungsfähigkeit und konnte ihren Stil mühelos dem neuen Material anpassen, aber so mancher Bewunderer ihres früheren Werks mag sich gewünscht haben, sie hätte sich die Mühe besser erspart und statt dessen lieber weiter nach Folksongs gesucht.
Sofern es dokumentiert ist, war das Privatleben von Judy Collins, gerade in der Zeit ihrer künstlerisch intensivsten Werke, von zahlreichen Krisen und Katastrophen überschattet. So mußte sie beispielsweise jahrelang vor Gericht um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpfen, nachdem eine frühe Ehe geschieden wurde. Gesundheitliche Probleme, wie etwa eine langwierige Tuberkulose, erschwerten das Leben zusätzlich. Es gab intensive, doch letztendlich gescheiterte Beziehungen, wie etwa jene zwischen ihr und Stephen Stills, der ihr den Klassiker "Suite: Judy Blue Eyes" widmete.
Auch wenn es die Musik jener Jahre vielleicht vermuten lassen könnte, so war Judys Privatleben in den späten Siebzigern keinesfalls sorgenfrei, - sie hatte mit ihrer eigenen Alkoholabhängigkeit als auch mit den frühen Drogenproblemen ihre Sohnes zu kämpfen. Aber ihre Musik zu dieser Zeit schien dafür zu sprechen, daß sie sich durchaus nach ruhigerem Fahrwasser zu sehnen schien.
So verschwand für einige Zeit jene Tiefe und Intensität, auch die Dunkelheit, die ihren besten Werken eine so magische Kraft verlieh. Die Dämonen waren nun ausgesperrt. Die Alben der späten 70er bis mittleren 80er Jahre scheinen unter der Maxime entstanden zu sein, alle Eruptionen zu umschiffen, sich ganz der Leichtigkeit und den zarten Farben zu verschreiben. < >