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Judy Collins
Portrait of an American Girl
Das Album
Ihr erstes Studioalbum auf ihrem eigenen Label Wildflower Records markiert einen Wendepunkt, zugleich Neubeginn und Rückbesinnung. Zunächst einmal handelt es sich bei "Portrait of an American Girl" um ein wahres Schmuckstück: Im wunderschön gestalteten Digipack erinnert das Album schon rein optisch im Schriftzug und bezüglich der Photos von Annie Leiboviz an Collins' bedeutendste Alben der 60er und frühen 70er Jahre. Wieder einmal handelt es sich um ein sehr vielseitiges Album: Es findet sich ein Stück aus einem aktuellen Broadway-Musical ("Liberté"), eine klassische Popballade ("I Can't Cry Hard Enough") und sogar ein gesprochenes Stück ("Lincoln Portrait"), welches lediglich mit einer untermalenden Synthesizerbegleitung aufwartet und wobei eindeutig die politische Botschaft des Textes im Mittelpunkt steht.

Die stärkste Wirkung entfalten allerdings die von Collins' perlendem Pianospiel begleiteten Eigenkompositionen und die Folkrock-Songs, deren Darbietung an die musikalische Sprache ihrer großen Alben wie "Whales and Nightingales" und "Who Knows Where The Time Goes" angelehnt ist.

So erstrahlt Joni Mitchells "Song About The Midway" hier in neuem Glanz, um eine etwas rockigere Instrumentierung und einen sanften Groove bereichert, der sich auf Mitchells eher spartanischer Originalversion (vom Album "Clouds", 1969) so noch nicht andeutete.

Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist die Neueinterpetation von "Drops of Jupiter", dem großen Hit der amerikanischen Alternative Rock-Band Train. Collins verleiht dem Song eine unwiderstehliche, keineswegs unpassende musikalische Leichtigkeit und ein mitreißendes Arrangement, wodurch man eine lebendige Vorstellung vom Funkeln der Sterne auf Reisen entlang der Milchstraße vermittelt bekommt.

Das Album beginnt mit dem bewegenden Stück "Singing Lessons", einer Lobpreisung des Schmerzes, welcher Tiefe und Schönheit der menschlichen Seele und die künstlerische Gabe reifen läßt. Und auch die übrigen hier versammelten Kompositionen von Judy Collins belegen, das jener Schmerz eine Quelle ihrer berührendsten Werke ist.

In "Checkmate" läßt sie noch einmal in einem Traum ihren verstorbenen Sohn auferstehen, der ihr in einem Meer von Menschen erscheint und dem sie aus der Ferne zuruft, er möge im Jenseits seinen Weg gehen, "seiner Königin folgen". Ein unglaublich schönes und ergreifendes Lied, ihre Stimme leuchtet voller jugendlicher Kraft und Geschmeidigkeit. Eine ähnliche Thematik beleuchtet auch der Song "Voyager", wobei hier weniger konkret eine ganz bestimmte Person benannt wird. Es geht um die schmerzliche Abwesenheit des über alles geliebten Menschen und die Überwindung der empfundenen Verlorenheit durch die Kraft der Phantasie.

Neben solch schweren Stoffen räumt Judy Collins auf ihrem neuen Album aber auch dem Licht und der Leichtigkeit ihren Platz ein, etwa in ihrer leicht psychedelisch gefärbten Interpetation des Popklassikers "Sally Go 'Round The Roses" und ihrem eigenen augenzwinkernden Folksong "You Can't Buy Love".

Abgerundet wird der Reigen von einer Reminiszenz an ihre legendäre A capella-Aufnahme von "Amazing Grace ": "How Can I Keep from Singing" beginnt ebenfalls mit Judys Stimme, allein in einer Kathedrale, allmählich gesellen sich einige tiefe Männerstimmen hinzu und bilden gegen Ende einen gewaltigen Chor, ganz zum Schluß, anders als bei "Amazing Grace", noch von einer zarten Streicherbegleitung untermalt.

Trotz der stilistischen Vielfalt gelingt es Judy Collins, ihrem "Portrait of an American Girl" eine logische Stringenz zu verleihen; das Album droht nie, einen Eindruck von Beliebigkeit oder Unentschlossenheit zu erwecken. Vielmehr fügen sich endlich die vielen verschiedenen Facetten ihrer künstlerischen Bandbreite zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Sie vereint das beste einiger der musikalischen Welten, die sie in ihrer über 45jährigen Laufbahn bereist hat. Nun wäre es vielleicht an der Zeit, für eines ihrer nächsten Alben noch einmal ganz zurück an den Ursprung zu gehen, auf alle Streicher und Synthesizer zu verzichten und ein Album auf die Art aufzunehmen, wie sie es 1961 bei ihrem Debüt "A Maid of Constant Sorrow" getan hat: Allein ihre Stimme, eine Gitarre und ab und an vielleicht ein zusätzlicher Bass oder ein Banjo.

Die hohe künstlerische Qualität und tiefe Schönheit von "Portrait of an American Girl" gibt Anlaß zu freudigen Erwartungen. Man darf auf das weitere Schaffen dieser großen Künstlerin, der "Matriarchin des Folk", wie ein Kritiker sie jüngst nannte, in jedem Fall gespannt sein. <

© Andre Seifert, 2006
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