1996 erschien beim Label Atlantic ein Album, das sich als kleine Sensation und als Überraschungserfolg erweisen sollte. Der junge Songwriter Duncan Sheik betrat mit seinem gleichnamigen Debüt die Bühne der Unterhaltungsindustrie und wurde in Anbetracht des schnellen Erfolgs sogleich von den Kritikern in die für ihn passend erscheinende Schublade einsortiert.
Sheik trat als junger Künstler in Erscheinung, der nicht so recht in den Kontext der desillusionierten, rauhen 90er Jahre zu passen schien. Die Holzfällerhemden der letzten großen jugendkulturellen Welle waren zwar längst eingemottet, aber Sheiks ausgesprochen elegante Erscheinung, die keinerlei subkulturelle Zugehörigkeiten implizierte, wirkte dennoch auf viele Vertreter der Musikpresse wie eine Provokation. Dabei war die Zeit des Grunge eben einfach vorbei, nur daß einige Kritiker es noch nicht wahrhaben wollten der bald darauf folgende Siegeszug des heute allgegenwärtigen superglatten R&B/HipHop/Soul/Disco-Mischmaschs und das ebenfalls nicht mehr ferne „American Idol“-Format dürften jenen Kritikern dann die Augen geöffnet haben.
Das besagte Debütalbum Duncan Sheiks indes war ein eigenständiges Werk, das sich in mancherlei Hinsicht wohltuend von der üblichen Radiomusik abheben konnte, wobei dieser Markt jedoch durchaus angestrebt wurde wenn nicht von Herrn Sheik selbst, dann zumindest von der Marketingabteilung seiner Plattenfirma. Es wurden zwei Singles in die Rotation geschickt, von denen die erste („She Runs Away“) durchaus durch Eleganz zu überzeugen wußte, die zweite sich jedoch durchsetzte und in den USA zum veritablen Hit wurde. Bei den beiden von der Plattenfirma ausgewählten Songs handelte es sich natürlich um die gefälligsten und uninteressantesten Stücke des Albums und so wurde der Hit „Barely Breathing“, die musikalisch und inhaltlich eindeutig schwächste Nummer des Albums, zum Fluch für Duncan Sheik, denn der Hit prägte ein öffentliches Bild des Künstlers, das seinem vollen Potential nicht gerecht wurde. Irgendwo zwischen College-Radio und Adult Contemporary-Charts, das war die Schublade.
Die glatte und edle Produktion des Albums, ausgeführt vom Starproduzenten Rupert Hine unter Verwendung geschmackvoll ausbalancierter Arrangements zwischen Streichorchester und E-Gitarren, dürfte Duncan Sheik nicht geholfen haben, um als Stimme oder Vertreter seiner eigenen Generation Anerkennung zu finden. Dafür klang seine Musik einfach schon zu sehr nach Establishment, was in Anbetracht seines persönlichen Hintergrunds ja auch irgendwie passte.
Sheik konnte mit seinem Studienabschluss und solidem konservativen Familienhintergrund nicht das Klischee des aus eigener Kraft dem Unheil entkommenen Underdogs bedienen, das in der frühen Post-Grunge-Popkultur noch einige Kredibilität verhieß.
Mit den Jahren entwickelte Sheik sich übrigens zum überzeugten Vegetarier, Buddhisten und Pazifisten, was zwar wiederum einem Klischee über Nachkommen der liberalen Teile der amerikanischen Oberschicht entspricht, aber in eher konservativen Kreisen schon ein beachtlicher Sündenfall ist.
Sheiks Debütalbum zeigte Qualitäten, die auch vom Makel der vielleicht etwas zu arrivierten Ausstattung nicht geschmälert werden. So zeichneten sich die meisten Texte durch eine gelassene Sicht der Dinge aus Duncan pflegte nie die Pose der verzweifelten, stürmischen Hingabe. Die Liebeslieder durchzieht ein angenehmer, milder Sarkasmus, seine Haltung der Welt und der Menschheit im Allgemeinen gegenüber stellt sich als humanistisch dar und läßt ein Bedürfnis nach der Überwindung von Kommunikationslosigkeit und eine Sehnsucht nach Gemeinschaft erkennen, ohne dabei durch rosarote Brillengläser zu schauen.
Die Melodien Sheiks, der ein Bewunderer Nick Drakes und der britischen Band Talk Talk ist, auf jenem Album haben meist eine natürlich fließende und gleichzeitig elegante Struktur. Neben seines Kompositionstalents ist seine größte Stärke sicher sein Gesang, mit dem er sowohl den dunklen Grundton seiner Stimme zu nutzen versteht , die einen sehr warmen und zuweilen auch einen eiskalten Klang haben kann, als auch gerade in den höheren Tonlagen Fragilität und Wärme vermittelt. Das Debütalbum hatte nebenbei bemerkt auch einen kleinen kulturrevolutionären Aspekt, indem es ein gerade in der amerikanischen Rockkultur unübliches Männerbild ins Spiel brachte - das Bild des schönen Mannes (der eben nicht der allseits akzeptierte, kumpelhafte „handsome guy“ sondern ein eleganter, vielleicht sogar ein bißchen divenhafter „beautiful man“ ist). Das Coverphoto zeigt Duncan Sheik als ätherische, bleiche Schönheit, im Booklet sieht man ihn noch einmal im Dandyoutfit auf einem Bett sitzend. Nicht unriskant.
Nach diesem ersten Streich legte Duncan Sheik dann bald mit „Wishful Thinking“ für den Soundtrack des Films „Great Expectations“ ein wunderbares Stück vor, das dem perfekten Popsong - sollte es so etwas geben - sicher sehr nahekommt. Bei diesem Song schlägt Duncan auch schon rockigere Töne an als auf dem ersten Album eine Entwicklung, die sich mit dem zweiten Werk „Humming“ fortsetzen sollte. Das 1998 erschienene Album wurde von einer grandiosen Single („Bite Your Tongue“) angekündigt, hatte damit dann aber leider auch schon viel Pulver verschossen. Auf dem Album fand sich kein weiterer Song von gleicher Stärke. Zwar war der Sound über die weitesten Strecken etwas rockiger und sparsamer als beim Erstling, leider waren die Melodien größtenteils schwächer und der orchestral ausstaffierte Pop von „Everyone, Everywhere“ ließ das Debüt im Vergleich fast minimalistisch erscheinen. Als Duncan Sheiks Achillesferse stellte sich allerdings das Dichterische heraus so wurde etwa im Song „Nothing Special“ noch einmal die gleiche Aussage formuliert wie in „Bite Your Tongue“, ohne eine andere besondere Note in der Thematik zu finden und „That says it all“ zitierte namentlich Nick Drake, Bob Dylan und John Lennon, ohne allerdings jene Zitate für eine starke Aussage des Songs nutzen zu können. Gerade in textlicher Hinsicht merkte man dem Album an, daß Duncan Sheik mehr Zeit gebraucht hätte, um ein dem ersten Album ebenbürtiges Werk vorlegen zu können.
„Humming“ stieß dann auch auf wenig Publikumsinteresse, wurde als kommerzieller Mißerfolg gewertet und sorgte für eine deutliche Abkühlung im Verhältnis zwischen Künstler und Plattenfirma. Es folgte dann noch das zarte, stark von Nick Drake beeinflußte Album „Phantom Moon“ und das die Zusammenarbeit mit Atlantic abschließende „Daylight“, das von Madonnas langjährigem Produzenten Patrick Leonard betreut wurde. Mit diesem Album wollte man noch einmal an den frühen Erfolg anknüpfen, was zwar im Hinblick auf Airplay bei den Radiostationen teilweise gelang, bezüglich der Verkaufszahlen allerdings keine Wende brachte.
Daraufhin entschied sich Atlantic gegen eine weitere Zusammenarbeit.
Duncan arbeitete daraufhin als Komponist fürs Theater und war an einigen Filmsoundtracks beteiligt.
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