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Duncan Sheik
White Limousine
Das Album:

Eine Menge hat sich geändert seit den Tagen, in denen Duncan Sheiks Musik zuerst die amerikanischen Collegeradio-Stationen und kurze Zeit später auch ein größeres Publikum erfreute. Zwischen heute im musikalischen Sammellager männlicher Singer/Songwriter dominierenden Gestalten wirkt Mr. Sheik fast mehr noch als vor 10 Jahren wie ein Exot. Und vielleicht mehr noch als vor besagten 10 Jahren ist sein erneutes Auftauchen ein höchst willkommener Anblick. Gerade in Anbetracht einiger penetranter, höchst erfolgreicher Stimmen aus dem Radio, bei deren zweifelhaftem Genuß man sich unweigerlich fragen muß, was da wohl schief gelaufen sein könnte, daß ausgerechnet der Gesang der BeeGees zum Inbegriff massentauglicher Schönheit erkoren wurde, - überspannte Quetschkommoden und melodramatisch affektiertes Geknödel, wo man nur hinhört - wirkt der Klang einer völlig ungekünstelten, tiefen Stimme wie ein erholsamer Segen.

Und Duncan Sheik, der mittlerweile übrigens Vollbart trägt, in der zweiten Hälfte seiner 30er angelangt ist und sich wohl aufgrund seines verhaßten einstigen Images ausgesprochen photoscheu zeigt, hat durchaus noch mehr zu bieten.

Das im Frühjahr 2006 beim Independent-Label Zoe erschienene Album „White Limousine“ erweitert zunächst einmal in lyrischer Hinsicht Sheiks bisheriges Spektrum erheblich. Zum ersten Mal vertritt der Künstler eine recht eindeutige politische Haltung, ohne ein in irgendeiner Form aufdringliches vertontes Polit-Statement vorzulegen.

Aus dem Spannungsfeld zwischen Geschichten aus dem persönlichen Erfahrungsbereich und der gesellschaftlichen Lage der Dinge, die ja den persönlichen Erfahrungshorizont bedingt, gewinnt Sheik eine bisher unerreichte poetische Ausdruckskraft.

„Hey Casanova“ eröffnet Sheiks neuen Liederzyklus auf beeindruckend vielschichtige Weise. Inhaltlich funktioniert der Song auf mehreren Ebenen: Vordergründig eine von Sheiks bereits vertrauten sarkastischen Charakterstudien, läßt sich der Text auch als Sheiks persönliche Abbrechung mit der eigenen Person lesen, darüber hinaus liegt jedoch ein viel relevanterer gesellschaftsdiagnostischer Ansatz dem Text zugrunde. Die politische Dimension erschließt sich nicht auf plakative Weise - nur ein paar Zeilen verraten diesen Bezug: So erwähnt Sheik nicht nur die Wüste, auch von den „sehr eigentümlichen Orten“, an denen der Protagonist Hoffnung und Orientierung sucht, ist die Rede. So läßt sich der Text auch als Abrechnung mit der militärischen Propaganda verstehen, die Abenteuerlust und Orientierungslosigkeit der jungen Menschen anspricht und ausbeutet, um sie zum Ehre verheißenden Dienst fürs Vaterland zu überreden. Der gegenwärtige Krieg hat ja gezeigt, daß es nicht nur die wirklich perspektivlosen Jugendlichen sind, die sich für die Armee verpflichten. Auch zahlreiche Mittelstandskinder sind freiwillig in den Krieg gezogen – viele vielleicht im Zuge der bewußt geschürten Fehleinschätzung, es handele sich dabei um eine Art Selbstverwirklichungs-Trip. „Hey Casanova“ ist in jedem Fall eine kluge Abbrechung mit der Maxime falsch verstandener Selbstverwirklichung, die zahlreiche Opfer auf den unterschiedlichsten Schlachtfeldern mit sich bringt.

Nach dem für Sheiks Verhältnisse sparsam arrangierten Auftakt, zündet er mit „The Dawn's Request“ das erste musikalische Feuerwerk des Albums. Die vom London Session Orchestra eingespielten Streichinstrumente werden zunächst im Refrain behutsam in das Gefüge aus sparsamer Folk-Rock-Instrumentierung eingebunden, um sich im weiteren Verlauf des Songs zunehmend durchzusetzen, was inhaltlich mit dem Song wunderbar harmoniert, der sich von einer Bestandsaufnahme trister Umstände zu einem Gebet emporschwingt.

Der darauf folgende Titelsong ist ein bissiger Kommentar zum kapitalismusimmanenten Kult um die schönen, guten Waren und zur Gier nach Luxus, wofür andernorts gestorben wird und die im eigenen Land doch nur ein seelisches Vakuum hinterläßt. „America America – And this is our reward – Everything is boring – And everyone is bored“.

Die folgenden Songs widmen sich wieder vertrauterem Terrain, allerdings zeigen auch sie Sheiks deutliche lyrische Weiterentwicklung. So findet „I Don't Believe in Ghosts“ eine reizvolle Metaphorik für die Schwierigkeiten des Vergessens vergangener Liebesbeziehungen, „Nothing Fades“ scheint stark von Duncans buddhistischem Glauben geprägt, indem es mit schöner Gelassenheit der Vergeblichkeit der menschlichen Sinnsuche begegnet und „Fantastic Toys and Corduroys“ setzt sich mit der zuweilen schwierigen Kommunikation zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern auseinander und bleibt dabei weit entfernt von jenen süßlichen Dankbarkeitsbekenntnissen, die zahlreiche popmusikalische Oden an die Mütter so ungenießbar machen ( - bevorzugt von Girl- oder auch Boybands dargereicht).

Mit dem Song „Shopping“ wird es dann wieder böse. Duncan zelebriert hier die Kunst der Selbstdemontage, indem er konstatiert, er sei, wie jeder andere in seinem Business auch, nur ein Verkäufer von Produkten, dem es letztendlich weitgehend egal ist, welchen Sinn die Konsumenten in seine Produkte hineinlegen, solange sie nur schön fleißig weiterkonsumieren. Sheiks kritischer Blick auf die Welt macht also vor der eigenen Person nicht Halt.

„Star-Field on Red Lines“ hingegen widmet sich erneut dem gesellschaftlichen und politischen Klima in seiner Heimat. Hier zeichnet Duncan Sheik in minimalistischen Skizzen das Bild einer Nation, die sich unentwegt in ihre Flagge hüllt, ohne zu bemerken, daß nur wenige aus patriotischem Überlegenheitsdenken und Opferbereitschaft einen Nutzen ziehen und viele verlieren.
Eine mutige und zugleich poetische Dekonstruktion der Stars and Stripes.

Auf den verbleibenden Songs des Albums konzentriert Duncan sich weitestgehend auf Zwischenmenschliches im intimeren Rahmen. „Land“ formuliert Sehnsüchte, die kaum einem unfreiwillig reizüberfluteten Stadtmenschen fremd sein dürften: Das Bedürfnis nach einem Erholungsraum etwa oder einfach nur nach etwas besserer Luft zum Atmen, aber es schwingt noch eine weitere Sehnsucht mit – nach zwischenmenschlicher Verständigung über Grenzen unterschiedlicher Weltanschauungen hinweg.

Der Reigen findet seine Vollendung mit dem Song „Hymn“, einem Liebeslied, in dem das Ende der Suche und die Endstation der Reise gefeiert wird.

Duncan Sheiks aktuelles Album ist nicht nur in textlicher Hinsicht sein bisher reifstes und vielseitigstes Werk. Auch musikalisch ist die Palette diesmal recht breit gefächert, reicht von sparsam instrumentierten, kammermusikalisch anmutenden ¾-Taktern bis zu von wuchtigem Breitwandsound begleiteten Midtempostücken, mal in traditioneller Rockinstrumentierung, mal mit Streichorchester, immer elegant und natürlich fließend.

Sheik sagte in einem Interview, er wollte eigentlich eine minimalistische Lo-Fi-Platte machen, habe dazu dann aber doch nicht die Nerven gehabt. Auf „White Limousine“ ist die teils üppige Instrumentierung allerdings kein Makel – vielmehr unterstreicht sie die Schönheit der Songs, ohne jemals aufgeblasen zu wirken. Dieses Mal hat jedes Lied das Kleid bekommen, das ihm am besten steht und passt.

(In der Erstauflage liegt dem Album übrigens eine DVD bei, auf der alle Einzelspuren sämtlicher Songs dem Nutzer zur freien Verfügung für persönliche Neuabmischungen stehen.
So kann man die Lieder auch einmal in minimalistischen Versionen hören und man merkt, daß man es, auch ohne die ganzen Geigen und atmosphärischen Hintergrundtexturen, hier mit sehr starken Melodien zu tun hat.)

„White Limousine“ zeigt, daß Duncan Sheik weder auf einen Starproduzenten noch auf die Unterstützung eines Entertainment-Großkonzerns angewiesen ist, um seine musikalischen Visionen zu verwirklichen. Und diese Visionen haben Lieder von großer Klarheit und Strahlkraft hervorgebracht. Berührend und erhellend zugleich.

I. Porträt / II. Das Album: "White Limousine" /
Auch als PDF-Download zu haben.
© Andre Seifert, 2006
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