1987 gelang Jennifer Warnes dann ein unerwarteter Coup. Das Album „Famous Blue Raincoat“ geriet zur echten Sensation und brachte der Künstlerin sofort ein hohes Ansehen bei den Kritikern ein. Auch das Publikum nahm das Werk mit offenen Armen an. Das Album wurde ein beständiger Verkaufserfolg und erreichte Platinstatus. Vor allem war das Album in vielerlei Hinsicht ein Triumph für die Künstlerin, die hier zum ersten Mal ihr volles Potential entfaltete. Sie produzierte das Album gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund und musikalischen Begleiter Roscoe Beck und sie setzte durch, dass sie alle Rechte an dem Album und den Mastertapes behielt, was vorher noch keinem Interpreten gelang.
Üblicherweise gehören nach wie vor sämtliche Aufnahmen eines Künstlers, einschließlich in Heimarbeit produzierter und selbstfinanzierter Demoaufnahmen, der Plattenfirma, an die der Künstler vertraglich gebunden ist. Die Musikindustrie gewährt den Künstlern in der Regel kein Recht an deren eigener Arbeit. Jennifer Warnes war eine der ersten, die sich diesem System widersetzten. Möglich war das wohl auch nur, weil das Album beim neugegründeten Label Cypress Records und nicht bei einem der amerikanischen Majorlabel erschien.
Das Album sorgte zudem für ein neues Interesse am Werk Leonard Cohens, der in Amerika zu dieser Zeit nicht mehr sonderlich bekannt war. Jennifers Version von „First We Take Manhattan“ erschien früher als Cohens eigene Aufnahme und ebnete somit durch die Präsenz des Songs im Radio den Weg für Cohens Version, die zu einem seiner größten kommerziellen Erfolge werden sollte. Dabei erscheint es im Rückblick heute fast unvorstellbar, dass der Song tatsächlich einmal im Radio lief, wirkt er doch in beiden Versionen sperrig und geradezu subversiv im Vergleich zur heute dominierenden Radiomusik.
Cohen wurde mit dem Album „I'm Your Man“, auf dem Warnes ebenfalls wieder zu hören war, noch einmal eine Art Popstar. Im Zuge von „Famous Blue Raincoat“ und der neuen Popularität Cohens, beeilten sich natürlich zahlreiche Künstler, sich ebenfalls vor der ehrwürdigen Ikone zu verbeugen. Vertreter der arrivierten Alternativ-Szene wie R.E.M und die Pixies sangen im Chor der Bewunderer und veröffentlichen das Tribut-Album „I'm Your Fan“. Ganz klar, dass dann irgendwann auch noch U2-Bono mit dabei sein mußte. Niemand aus der plötzlich wie Pilze aus dem Boden schießenden prominenten Bewundererschar erreichte jedoch die Glaubwürdigkeit von Jennifer Warnes, deren Interpretationen zudem erneut unter Beweis stellten, dass Cohens Musik seit jeher wie geschaffen für wahrhaft große Sängerinnen war, während männliche Interpreten und die berüchtigten Alternative-Bands meist recht hilflos an dem Material ihre Grenzen demonstrierten von John Cales grandioser Version des Cohen-Songs „Hallelujah“ einmal abgesehen.
Etwa 20 Jahre zuvor war es Judy Collins, die erstmals die Worte des Poeten sang und somit Cohen die Tür zum Erfolg öffnete. Nun sorgte Jennifer Warnes dafür, dass Cohens musikalische Arbeit erneut einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.
Zum ersten Mal in ihrer Laufbahn hatte Jennifer Warnes nun in den Augen der interessierten Öffentlichkeit ein starkes Profil erlangt, auf dem sie hätte aufbauen können. Doch 1987 war auch das Jahr von „I've Had The Time Of My Life“, dessen unerwartete Popularität das neue seriöse Image der Künstlerin sogleich torpedierte. Jennifer Warnes war in diesem Jahr gleichermaßen als ambitionierte Künstlerin wie auch als Interpretin von Chart-Pop präsent, was eine gewisse Widersprüchlichkeit in ihrer Karriere deutlich machte.
Nach Raincoat folgte also nicht die große Wende, sondern Jennifer beteiligte sich weiterhin an den unterschiedlichsten Projekten der unterschiedlichsten Künstler und nahm auch weiterhin Filmsongs auf, statt beispielsweise mit den Songs von „Famous Blue Raincoat“ auf Welttournee zu gehen.
Sie war neben Elvis Costello, Bruce Springsteen, Bonnie Raitt und zahlreichen weiteren Größen an Roy Orbisons großer Comeback-Show „ A Black and White Night“ beteiligt. Mit „Skin To Skin“, einem sehr schönen Duett mit Harry Belafonte, hatte sie noch einmal einen kleineren Hit. Danach war sie als Gast auf Tanita Tikarams Album „Everybody's Angel“ zu hören und verschwand dann für einige Jahre völlig von der Bildfläche.
1992 erschien dann endlich der Nachfolger von „Famous Blue Raincoat“.
„The Hunter“ setzte die mit dem mittlerweile zum Klassiker avancierten Vorgänger begonnene Entwicklung fort. Und es war beruhigend zu hören, dass Jennifer nach ihren Ausflügen in die Hitparaden doch den ambitionierteren Weg vorzog. „The Hunter“ war zwar von einer gänzlich anderen Grundstimmung geprägt, konnte qualitativ aber durchaus das Niveau des Vorgängers halten. Erneut setzte sie mit diesem Album auch Maßstäbe in klangtechnischer Vollendung, was ihren mit „Raincoat“ erworbenen Ruf als Favoritin audiophiler Musikhörer untermauerte. Die Single „Rock You Gently“ wurde vor allem außerhalb Amerikas ein Radiohit und das Album erntete erneut mehrheitlich hervorragende Kritiken, auch wenn es schon nicht mehr ganz so unumstritten war wie der in der Kritikergemeinde über jeden Zweifel erhabene Vorgänger.
Danach begann der bisher schwierigste Abschnitt in Jennifers Karriere. Es wurden Alben produziert, die nie veröffentlicht wurden unter anderem eine Platte, die Jennifer auf Vorschlag ihrer Plattenfirma allein mit einem Streicherquartett aufnahm.
Eine Idee, die ihre Plattenbosse laut Jennifer aufgrund von Elvis Costellos „Juliet Letters“ sehr reizvoll fanden, während ihre eigenen Ideen grundsätzlich als unkommerziell abgelehnt wurden. Das Plattenlabel Private, bei dem das kammermusikalische Werk erscheinen sollte, machte dann allerdings vorzeitig Bankrott.
Erst 9 Jahre nach „The Hunter“ erblickte wieder ein neues Jennifer Warnes-Album das Licht der Öffentlichkeit,- allerdings einer wesentlich kleineren Öffentlichkeit. Es blieb keine andere Möglichkeit, als ihre Produktion ausschließlich aus eigenen Mitteln zu finanzieren und ohne Unterstützung einer Plattenfirma zu vertreiben, was sich natürlich im Mangel der üblichen Marketingoffensive eines großen Labels bemerkbar machte.
Erschwerend kam hinzu, dass die meisten etablierten Medienorgane die Unternehmenspolitik vertreten, Musikaufnahmen völlig zu ignorieren, die nicht bei einem der wenigen verbliebenen Mediengroßkonzerne veröffentlicht werden. So gab es keine Rezensionen und kaum jemand erfuhr von der Existenz des 2001 erschienenen Albums „The Well“.
In den folgenden Jahren war Jennifer Warnes weiterhin als Gast bei Produktionen anderer Musiker aktiv, wobei sie sich nun auf Projekte konzentrierte, die ihre künstlerische Weiterentwicklung reflektierten. Hervorzuheben sind ihre Beiträge zu Tributalben zu Ehren von Alejandro Escovedo und Warren Zevon, „Pissed Off 2 A.M.“ und „Keep Me in Your Heart“.
Im Jahr 2005 erschien auf dem gleichnamigen Album des kanadischen Gitarristen Robert Michaels der von Jennifer Warnes gesungene Song „So Sad“, geschrieben von Mickey Newbury.
Eine der herausragendsten Aufnahmen in Jennifers gesamter Laufbahn, die demonstriert, dass die Künstlerin mehr als je zuvor in der Lage ist, in der Kunst des Gesangs neue Maßstäbe zu setzen, indem sie eine so stark ausgeprägte emotionale Tiefe im künstlerischen Ausdruck erschließt, wie es wohl kaum eine andere Sängerin jemals könnte. >