Fast 20 Jahre nach seinem Erscheinen hat dieses Album immer noch eine Sonderstellung in der populären Musikgeschichte inne. Dieser Status liegt in einigen Besonderheiten des Werks begründet, die in dieser Form und Kombination nur selten in der populären Musik zu finden sind.
Als erstes wäre da der Mut von Jennifer Warnes zu nennen, die hier als Sängerin sehr weit geht, sich in einer Dimension der Kunst des Gesangs bewegt, die den meisten Sängerinnen und Sängern wohl auf ewig verschlossen bleiben wird. Die Wirkung des Albums beruht tatsächlich in nicht unerheblichem Umfang auf der überwältigenden Leistung der Sängerin.
Hinzu kommt die Liebe der Künstlerin zu ihrem Material, die das gesamte Album noch einmal zusätzlich emotional auflädt und trägt. Die Auswahl der Songs aus Cohens Werk tut ihr übriges, in dem sie die bekanntesten Songs weitestgehend außen vor lässt und verschiedene Facetten von Cohens Arbeit nebeneinanderstellt - und mit dem Opener sogar ein vollkommen neues, vom Meister noch nicht veröffentlichtes Stück zu bieten hat.
„First We Take Manhattan“ bildet den grandiosen Auftakt, der sofort klarmacht, dass man am besten ganz schnell alles vergessen sollte, was man über die Künstlerin zu wissen glaubte.
Ein Fragment eines Radioberichts eröffnet einen bitterbösen Song, dessen wirkliche Bedeutung sich wie so oft in Cohens Lyrik nicht gänzlich aus den Worten erschließt. Man bekommt nur eine Ahnung vermittelt, darf den Song selbst deuten. Einen Anhaltspunkt liefert die gebrochene Kälte, die im treibenden Rock-Arrangement ihren Ausdruck findet und Jennifers Stimme, in der sich jene Kälte wie ein Kommentar zur weltpolitischen Lage in den 80er Jahren widerspiegelt.
Auch heute noch vermittelt der Song eine Atmosphäre, die Erinnerungen an die Zeit des kalten Krieges, der Aufrüstung und anderer Errungenschaften der Achse Thatcher/Reagan heraufbeschwört. Nebenbei bekommt die Welt der Schönen und Reichen auch noch den ein oder anderen Seitenhieb verpasst.
Mit dieser Momentaufnahme aus einer eiskalten Welt präsentiert sich die Künstlerin in einem völlig neuen Licht. Nie zuvor hatte ihre Stimme diese Prägnanz und Härte, die nicht nur ihre Wandlungsfähigkeit demonstriert, sondern viel mehr das Verständnis für ihr Material und den Respekt gegenüber dem Text deutlich erkennen läßt.
Mit „Bird On A Wire“ folgt gleich das nächste Highlight. Der Song der in Cohens Originalversion musikalisch eher wie ein mittelalterliches Wiegenlied angelegt war und den Judy Collins als lässigen Country-Rock interpretierte wird hier als mitreißendes Uptempo-Stück neu erfunden, rhythmisch mit einem deutlichen Kalypso-Einschlag, dessen Wärme mit Bläsern und sparsam untermalenden Synths einen reizvollen kühleren Gegenpol erhält. Jennifer singt mit deutlich mehr Wärme und einer anderen Art von Lässigkeit als beim Opener.
Mit „Famous Blue Raincoat“ folgt das vielleicht größte Glanzstück. Verwundbarkeit, Enttäuschung, Vergebung all das vermag Jennifer Warnes in ihrem Gesang auszudrücken, der vor dem Hintergrund einer sparsamen Jazz-Instrumentierung den Raum einnimmt und den Song mit Leben erfüllt, die Geschichte gleichermaßen mit dem Farbenspiel ihrer Stimme wie mit Worten erzählt.
„Joan Of Arc“, im Duett mit Leonard Cohen gesungen, erinnert am ehesten an Jennifers Arbeit auf Cohens Alben. Hier schwingen sich die Engelschöre empor, die mythische Dimension des Textes wird durch eine orchestrale, gewaltige Klangkulisse unterstrichen. Es heißt, der Text beziehe sich auf das Spiel zweier Menschen im Rahmen einer nächtlichen Bar-Bekanntschaft. Die epische Kraft der hier vorliegenden Interpretation gemahnt allerdings auch an die Geschichte und existentielle Not der realen Johanna von Orléans.
Die zweite Seite der LP beginnt weniger symbolträchtig und deutlich entspannter. „Ain't No Cure For Love“, in lyrischer Hinsicht einer von Cohens unkomplizierteren Songs, wird schwungvoll mit Country-Rock-Einschlag präsentiert, ohne allerdings klanglich aus dem Rahmen zu fallen.
Die Instrumentierung des gesamten Albums wirkt stets homogen, auch wenn sich einige Songs bezüglich der musikalischen Herangehensweise erheblich voneinander unterscheiden ein Merkmal einer wohlüberlegten, gekonnten Produktion. Einige Klangfarben bleiben weitestgehend präsent, werden auf den meisten Songs aufgegriffen und in den jeweiligen Kontext eingebunden, was dem harmonischen Gesamteindruck des Album zugute kommt.
Der nächste Song „Coming Back To You“ variiert den Country-Bezug, diesmal als Ballade ausgeführt, um Soul- und Blues-Akzente bereichert.
„Song Of Bernadette“, geschrieben von Jennifer Warnes, Leonard Cohen und Bill Elliot ist textlich wieder mehr im mythischen Bereich angesiedelt. Jennifer nahm die überlieferte Geschichte einer Marienerscheinung zum thematischen Ausgangspunkt.
„A Singer Must Die“, einer von Cohens galligeren Texten, wird hier als faszinierendes A Capella-Stück dargeboten, voller überraschender und vielschichtiger Vokalharmonien, basierend auf einem Arrangement von Van Dyke Parks und Bill Ginn.
„Came So Far For Beauty“ schließt den Reigen in schlichter Schönheit. Ein sparsames Synthesizer-Arrangement, bereichert um Van Dyke Parks' Akkordionspiel, läßt die Atmosphäre einer alten Hafenspelunke entstehen und ein Gefühl des Abschieds aufkommen. Jennifer Warnes verabschiedet sich mit einem weiteren ergreifenden Vortrag, der seine Wirkung gerade aus seinem Verzicht auf alles Ornamentale und seinem tiefen Verständnis für die Emotionen des Textes bezieht.
(Anmerkung: Das Album „Famous Blue Raincoat“ wird im Jahr 2007 remastered und um zusätzliches Material ergänzt wiederveröffentlicht) >