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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
I., Seite 1
I.
Einmal war es schön. Es war warm und man konnte es sich gut gehen lassen. Aber in der Erinnerung friert man auch nicht.

Elena hat nichts von all dem vergessen, doch sie fragt sich, ob denn auch ihre Eltern sich noch erinnern können.
Heute gibt es viel Streit. Elena soll sich mehr Mühe geben in der Schule. Aber das fällt Elena schwer, denn sie ist immer müde, unendlich müde - obwohl sie schon seit einiger Zeit nur noch sehr schlecht schlafen kann.

Elena war einmal ein sehr beliebtes Kind in der Schule. Nicht nur in der Schule war sie das. Überall war man stolz auf sie. Die Verwandten schmückten sich gern mit ihr auf den Familienfesten. Man freute sich an ihrer kleinen Erscheinung, die noch so jung war und noch so viele Möglichkeiten in sich trug, daß man alles darin sehen konnte, was man nur wollte. Manche der Verwandten stellten sich vor, Elena würde einmal für sich selbst jene Träume wahr werden lassen, die sie selbst nie erreichen konnten. Das gefällt den Leuten, wenn sie in einem anderen noch Möglichkeiten sehen, die sie selbst nicht mehr haben. Dann umgeben sie sich gern mit diesem Menschen, solange es ein nahestehender Mensch ist. Wenn es kein nahestehender Mensch ist, dann nimmt man eine ganz andere Haltung zu ihm ein, aber das ist eine ganz andere Geschichte - und außerdem war Elena ja nun einmal ein nahestehender Mensch für ihre Verwandten.

Auch in der Schule war Elena ein sehr beliebtes Kind gewesen, das wollen wir noch einmal betonen. Alle sagten, Elena wird einmal eine Künstlerin. Aber wenn einmal einer über ein Kind sagt, es sei etwas besonderes, ein ganz besonderes Kind, dann muß das Kind von diesem Zeitpunkt an immer unter Beweis stellen, daß man sich in ihm nicht getäuscht hat. Man erwartet von den Kindern, denen man nachsagt, sie seien besonders, daß sie sich ordentlich anstrengen, um alle Erwartungen zu erfüllen, die man an sie hat. Doch was ist, wenn so ein Kind gar kein besonderes Kind sein will?Und was ist, wenn ein Kind, von dem keiner etwas erwartet und dem keiner etwas zutraut, sich nur nach dem Blick eines Menschen sehnt, der etwas besonderes in ihm erkennt?

Elena sah nicht nach etwas besonderem aus. Sie war weder besonders dick noch besonders dünn. Ihre Haare waren weder schwarz wie die Haare der geheimnisvollen Mädchen, noch waren sie blond wie die Haare der fröhlichen, von allen geliebten Mädchen. Elenas Haare haben eine ganz gewöhnliche hellbraune Farbe und trotzdem hat man sie nicht wie ein gewöhnliches Kind behandelt, sondern wie eine kleine Erwachsene. Niemand außer Elena selbst schien zu bemerken, daß sie aber noch gar nicht erwachsen war.

Nachdem die ersten paar Grundschuljahre vorbei waren, wurde Elena von ihrer Klassenlehrerin selbstverständlich für das Gymnasium vorgeschlagen. Elenas Klassenlehrerin hatte nämlich eine besonders hohe Meinung von ihr. Diese Klassenlehrerin war es auch, die Elenas Eltern einmal auf einem Elternsprechtag sagte, daß ihre Tochter etwas ganz besonderes sei.

Von diesem Zeitpunkt an wurde Elena von ihren Eltern nicht mehr wie ihre ganz gewöhnliche Tochter angesehen, sonder wie ein kostbares Schmuckstück, das man stolz überall vorzeigen konnte.

Damals war Elena natürlich froh gewesen, daß die Lehrerin ihren Eltern nicht erzählt hat, sie sei ein dummes Kind, denn manche der Kinder, über die die Lehrerin genau das sagte, wurden nur wenige Stunden nach dem Elternsprechtag von ihren Vätern geschlagen, was die Lehrerin vielleicht nicht ahnen konnte.

Aber vielleicht war es ihr einfach auch nur egal, solange man die paar Kinder, die sie mochte, nicht schlug.

Lehrerinnen und Lehrer sind so. Sie haben nie an irgend etwas Schuld. Das glauben sie selbst, das glauben die meisten Eltern und ein paar Kinder glauben das auch. Das sind die Kinder, die den Lehrerinnen und Lehrern gefallen und die sie zur Belohnung unter ihren besonderen Schutz stellen, während man die meisten anderen Kinder sich selbst überläßt und wieder andere zur Zielscheibe von Gemeinheiten macht. >

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© Andre Seifert, 2006
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