Elena packt ihr Treppchen und kaum ist sie nur noch einige Meter von der Schlange entfernt, verwandelt sich das Treppchen in eine stattliche Brücke, die direkt an die Stelle führt, wo die Schlange ihre beiden Köpfe gebettet hat. Da fällt Elena wieder der Spiegel ein, den sie noch in ihrer linken Hand hält. Und tatsächlich weiß sie nun sofort, was damit anzufangen ist. Sie pfeift einmal kräftig und sogleich öffnet die Schlange ihre vier Augen. Und was sie nun sieht, jagt ihr einen so erschütternden Schrecken ein, daß sie nur noch zwei spitze Schreie ausstoßen kann, bevor sie sich urplötzlich in Nichts auflöst. Ihr eigener scheußlicher Anblick, den sie nie zuvor sah, war zuviel für die Schlange. Und zur gleichen Zeit vernehmen die Eltern zweier Schulmädchen, irgendwo in der Welt der wachen Menschen, jeweils einen gellenden Schrei aus den Zimmern ihrer Töchter. Elena spürt, daß die doppelköpfige Schlange sie nie wieder belästigen wird.
Gabriel kommt herbei und legt Elena eine Hand auf die Schulter. Elena ist noch sehr durcheinander im Angesicht des nun so friedlichen Ortes, an dem gerade noch ein riesiges Monster lebte.
"Siehst Du? Du mußt Deinen Albträumen nur den Spiegel vorhalten, in welcher Welt auch immer. Der Schock über ihre eigene Häßlichkeit wird sie dazu bringen, Dich für immer in Frieden zu lassen."
Wie einst Gabriel hat nun auch Elena ihre erste Lektion im Träumen gelernt.
"Doch was, wenn die Menschen nicht erschrecken vor ihrem eigenen Spiegelbild? Was wenn sie gar nichts schlimmes an dem finden, was sie da sehen?"
"Nun, vielleicht lieben die bösen Menschen sogar, was sie sehen, wenn ihnen jemand den Spiegel vorhält. Das kann schon sein. Vielleicht habe ich deshalb der Welt der wachen Menschen den Rücken gekehrt. Hier im tiefen Schlaf funktioniert die Spiegelmethode immer. Im Schlaf sind die Menschen schutzlos, ihre Eitelkeiten und ihre Trugbilder von sich selbst sind machtlos im Vergleich zum Anblick ihrer wahren Fratzen, die sie nur im Spiegel ihrer Träume einmal erkennen können."
Elena ist begeistert, daß es so einfach war, ein Schreckgespenst ihres Lebens und ihres Traumes zu verscheuchen, aber sie ist auch skeptisch. Wie sollte sie in dieser Welt auf Dauer leben können, wo es hier doch nicht viel zu sehen und noch weniger zu tun gibt. Vielleicht würde sie sich bald schon schrecklich langweilen, wenn erst einmal alle schrecklichen Gestalten verjagt wären.
"Auch wenn ich alle Ungeheuer verjagen könnte, wird es trotzdem kein schöner Ort sein. Wenn es keine Schrecken mehr gibt, gibt es trotzdem auch keine Freude."
"Gibt es in Deiner Welt viel Freude?"
Nein, nicht für Elena. Schon lange nicht mehr. Das weiß Elena selbst nur allzu gut. Und Gabriel hat ihr noch mehr zu sagen.
"Dies ist das Land des tiefen Schlafes, das allen Menschen offensteht, aber es ist vor allem auch das Land Deines Schlafes, Deiner Träume und Deiner Phantasie. Du mußt Deine Träume nur zum Leben erwecken und Du mußt lernen, mit Deiner Phantasie zu spielen, um diese Welt neu zu gestalten. Beginne doch einfach mit den Blumen, die noch ein wenig leblos aussehen."
Elena begreift die Herausforderung. Sie weiß, daß sie vor ihrem geistigen Auge zuerst die Idee einer wahrhaft lebendigen Blume entstehen lassen muß, um diese fahlen Blumen, die noch aussehen wie Bleistiftskizzen in Elenas Schulheften, aus ihrem grauen, starren Mantel zu befreien. Sie pflückt eine der schwarzen Blumen und denkt gleichzeitig an die schönste, bunteste und duftendste Blume, die sie sich vorstellen kann. Und während sich der Schatten einer Blume in ihrer Hand in eine strahlende Phantasieblüte zu verwandeln beginnt, denkt Elena an das Wunder des Lebens, an zwitschernde Vögel, den Duft der Walderde, das Spiel des Windes in den Blättern. Und während diese Gedanken vorüberziehen, wird das prächtige Phantasiegebilde in Elenas Hand eine wirkliche, lebendige Blume, die atmet und durstig ist wie alle anderen Blumen in jeder anderen Welt. Und kaum hat sie ihre erste Schöpfung vollendet, weiß Elena, daß noch eine große Welt darauf wartet, von ihr erschaffen zu werden.
Es ist nun keine Frage mehr, ob Elena geht oder bleibt. Mit den Jahren werden die buntesten Blumenwiesen, dichte Wälder, Flüsse und Meere in diesem Land entstehen und es wird Leben geben, wenn einmal keine Ungeheuer der Vergangenheit mehr regieren werden in diesem Traum, in dieser Welt.
In der Welt der wachen Menschen indes, treffen sich nach einer schrecklichen Nacht zwei Mädchen in der Schule. Sie sind die besten Freundinnen, doch nun trauen sie sich nicht so ganz, einander anzusehen und miteinander zu reden, denn in der Nacht zuvor haben beide Mädchen in einem seltsamen Traum für einen Moment ihr eigenes, wahres Gesicht und auch das wahre Gesicht ihrer Freundin gesehen. Und dabei blickten sie in die vier boshaften Augen einer doppelköpfigen Schlange. Nun haben sie angst, ihre Münder zu öffnen, denn sie wissen, es könnte ihnen ein verräterisches Zischeln entfahren.
Elena hingegen sollte weder in der Schule noch auf den Straßen der Stadt jemals mehr gesehen werden, seitdem sie eines Samstag Nachmittags in ihr Zimmer ging, um nur ein Weilchen zu schlafen. Nach dem ersten Tag, den Elena nicht aus ihrem Zimmer herauskam, brachen ihre Eltern die Tür zu ihrem Zimmer auf. Sie fanden Elena scheinbar schlafend und wussten nicht, ob sie noch lebte oder tot war oder irgendwo dazwischen. Elena wurde in ein Krankenhaus gebracht, wo man sie wochenlang beobachtete und untersuchte. Doch niemand konnte eine Krankheit feststellen. Die Ärzte sagten nur, daß Elena schläft und einer sagte, daß sie vielleicht vergessen habe, wie man wieder erwacht. Kein Lärm und kein Medikament konnte sie wieder aufwecken. Also schickte man Elena wieder nach Hause und da liegt sie noch heute in ihrem Bett. Und niemand weiß, daß Elena in Wirklichkeit eine richtige Königin über ein wunderschönes Land geworden ist.
Einmal war es schön. Es war warm und man konnte es sich gut gehen lassen. Aber in der Erinnerung friert man auch nicht. <