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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
I., Seite 2
Über manche Kinder machen sich manche Lehrer gerne lustig und das sind die Kinder, von denen man später sagen wird, daß nichts aus ihnen geworden ist.

Diese Kinder werden betrachtet, als seien sie nie mehr für irgend etwas zu gebrauchen. Und wenn man jemanden nicht gebrauchen kann, dann kümmert man sich auch nicht um ihn. Das macht niemandem besonders viel aus. Die Kinder, über die sich Lehrer lustig machen, werden meist von allen anderen gemieden.

Warum wird denn bloß nichts aus diesen Kindern? Weil man ihnen zu früh die Augen geöffnet hat. Weil sie zu früh erfahren haben, was es heißt, schutzlos zu sein. Weil sie zu früh begriffen haben, daß die größten Träume, die man hat, nichts nützen, wenn erst einmal einer die Entscheidung getroffen hat, einen Menschen vernichten zu wollen und man selbst dieser Mensch ist, der vernichtet werden soll.

Die anderen Kinder indes jagen immer schön fleißig weiter ihren Träumen hinterher und halten sich fern von den Kindern, über die Lehrer sich gerne lustig machen, weil sie angst haben, sie selbst könnten angesteckt werden. Die Kinder, über die sich keiner lustig macht, halten es für einen Fehler der betroffenen Kinder selbst, daß jemand sich über sie lustig macht. Und so ein Fehler ist vielleicht wie eine Krankheit, denken sich die Kinder, über die sich keiner lustig macht. Deshalb wollen sie sich nicht anstecken und bleiben lieber unter sich.

Die Kinder werden früh in Schubladen gesteckt und in Kästchen gepackt und man schaut sie von diesem Zeitpunkt so an, wie es den Schildern entspricht, die man ihnen um den Hals gehängt hat. Und steht auf einem solchen Schild "Dummkopf" geschrieben, hat niemand viel Mitleid mit dem Kind, an dem das Schild hängt.

Von dem Schild, das um Elenas Hals hing, hat man dann nach einer Weile auf dem Gymnasium irgendwann das Wort "Besonders" durchgestrichen und einfach auch "Dummkopf" darüber geschrieben. Elenas neuer Klassenlehrer hatte nichts für Kinder übrig, denen man irgend etwas besonderes nachsagen könnte. Dieser Lehrer mochte die blonden Mädchen lieber und auch alle anderen, die ihm fröhlich und unkompliziert erschienen und die sich gerne rauften, aber zu dem Lehrer auch immer sehr freundlich waren. Wenn Kinder in dem Fach, das der Lehrer unterrichtete, - der Mathematik -, besonders gut waren, mochte er diese Kinder ganz besonders gerne.

In der Grundschule war Elena in allen Fächern gut gewesen, aber jetzt stellte sich heraus, daß man damals wohl eine Schwäche bei ihr übersehen haben muß. Denn nun auf dem Gymnasium war Elena plötzlich in Mathematik keine gute Schülerin mehr. Später kamen noch andere Fächer hinzu, in denen Elena zuerst nicht mehr gut und danach meist ziemlich schlecht war.

Zudem war Elena immer ein stilles Kind gewesen, was früher niemand allzu schlimm fand, doch ihr neuer Lehrer störte sich daran. Er beobachtete Elena sehr genau und alles an ihr erschien ihm unnormal und deshalb falsch. Der Lehrer haßte alles, was ihm unnormal erschien. Bald darauf, auf einem Elternsprechtag verkündete der Lehrer Elenas Eltern, ihr Kind sei nicht normal und bereite in der Schule viele Probleme. So kam es, daß Elena, die noch vor einem Jahr das Schmuckstück ihrer Eltern war, nun plötzlich nur noch als sogenanntes "Problemkind" angesehen wurde. Diese Bezeichnung konnte sie nie wieder richtig loswerden. Selbst Jahre später, als Elena längst wieder andere Lehrer hatte, die wieder ganz andere Meinungen von ihr hatten, blieb dennoch etwas von diesem Urteil an ihr haften.

Ihre Eltern blieben mißtrauisch und schämten sich jetzt eher für sie, als daß sie sie noch stolz hätten vorzeigen wollen.

Wenn der ein oder andere Lehrer Elena auch für noch so dumm gehalten haben mag, so konnte sie doch begreifen, was mit ihr geschah. Seit diesem Elternsprechtag wußte sie, daß die Liebe, die man als junger Mensch in dieser Welt erfährt, zum Beispiel davon abhängen kann, ob man einen guten Eindruck macht, - ob niemand einen Grund hat, etwas böses über einen zu sagen. < >

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© Andre Seifert, 2006
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