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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
I., Seite 3
Doch was, wenn einmal einer etwas böses sagt über ein Kind? Beschützt man es dann? Oder schämt man sich vielleicht für das Kind?

Eines der großen Rätsel dieser Welt besteht darin, daß sich der Zorn der meisten Menschen nie gegen den richtet, der etwas böses über einen anderen sagt, sondern so gut wie immer gegen denjenigen, über den ein anderer etwas böses gesagt hat.

Man beschimpft dann denjenigen, über den böses gesagt wurde. Man wirft ihm vor, daß er jemand anderem einen Grund gegeben hat, schlechtes über ihn zu sagen. Man wirft ihm vor, daß er dadurch, daß ein anderer etwas schlechtes über ihn sagt, seine Familie beschämt, - ein Grund für seine Eltern ist, sich zu schämen. Derjenige, der das Böse gesagt hat, wird nicht von den Eltern beschimpft und für den schämen sich die Eltern auch nicht. Vielleicht weil das ein Fremder ist, über den man sowieso keine Macht hat.

Sagt erst einmal einer, daß ein Kind nicht besonders klug oder nicht besonders normal ist oder gar beides, dann gibt es keine sorglosen Tage mehr. Denn eigentlich wollen die meisten Eltern und auch die meisten anderen Menschen keine besonderen Kinder, sondern viel lieber Kinder, die nicht besonders auffallen, - die machen, was man ihnen sagt, können, was man können muß, - nicht zu gut und nicht zu schlecht, nicht zu viel und nicht zu wenig.

In der Schule war Elena einmal ein sehr beliebtes Kind gewesen. Doch dann, als ihre Noten schlechter wurden, fingen ihre besten Freundinnen ganz heimlich an, hinter ihrem Rücken zu tuscheln.

Das Tuscheln wurde immer lauter und irgendwann haben sich Elenas Freundinnen gar nicht mehr daran gestört, wenn Elena in der Nähe war. Sie haben dann einfach ganz normal weiter ihre Scherze über Elena gemacht. An manchen Tagen wurden sie sogar absichtlich noch ein bißchen lauter, wenn Elena in der Nähe war.

Alle sagten früher, Elena wird einmal eine Künstlerin. Doch wenn eine kleine Künstlerin plötzlich nicht mehr besonders gute Noten mit nach Hause bringt, ist sie in den Augen der anderen auf einmal auch nichts anderes mehr als ein weiteres der vielen dummen Kinder, für die man sich nicht interessiert.

Die Kinder, die nun über Elena tuschelten und sich über sie lustig machten, nutzten all ihre eigenen Chancen. Das war vielleicht ihr gutes Recht. Wer wagte es, so etwas zu beurteilen? Fest steht, daß wenn ein anderer das große Gespött ist, man es selber zumindest solange nicht sein kann. Deshalb freut man sich natürlich als gewöhnliches Kind, wenn der Lehrer oder die Lehrerin einen anderen am Ohr packt oder einen anderen fragt, was er denn als so dummes Kind überhaupt in der Schule zu suchen habe. Es ist vielleicht gar nicht so falsch von den Kindern, dann zu einer schallend lachenden Meute zu werden, die sich auf einen Schwächeren stürzt, denn das erwartet man schließlich von ihnen. Das wird man auch später von ihnen erwarten, wenn sie nicht selbst einmal der Schwächere sein wollen. So werden die Kinder zu Erwachsenen, die die Schule einst wirklich vorbildlich auf das Leben vorbereitet hat. Und ihre Gesichter sind dabei, wie sie sich so die ganzen Jahre immer am Unglück und der Erniedrigung anderer erfreuten, zu Fratzen erstarrt. Nichts Schönes ist in ihren Gesichtern geblieben. Sie mögen gar nicht unbedingt unglücklich sein, vielen dieser Kinder geht es sogar später einmal sehr gut, aber ihre Gesichter sprechen eine andere Sprache. Einige der lachenden Kinder werden einmal große Firmen leiten, aber niemand wird sie jemals wieder lieben, weil in ihren Gesichtern einfach keine Schönheit ist und weil sie die Liebe auch nicht mehr verdienen.

Wahrscheinlich ist das nur ein schwacher Trost für all jene, gegen die in zahllosen Schulen Kriege geführt werden, gegen die sich plötzlich einmal alle verschworen zu haben scheinen und bei deren Anblick irgendwann niemand mehr Scham empfindet, wenn er über sie lacht. Man weiß ja nicht, ob es diesen unglücklichen Kindern einmal besser ergehen wird mit der Liebe, denn Angst hat die Liebe ebenso vor den Verletzten wie vor den Fratzen. Und wer weiß schon, ob so ein Kind überhaupt solange überlebt, bis die Liebe einmal eine Rolle spielt? Es soll vorkommen, daß solche Kinder zwar rein äußerlich am Leben bleiben, aber doch schon vor ihrer Zeit das Leben hinter sich lassen. Solche Kinder verschwinden dann irgendwann einmal von der Bühne des öffentlichen Lebens. Auch Elena hat es sich zur Gewohnheit gemacht, sich zu verstecken.

Vielleicht versteckt sie sich, weil man zu oft nach ihr fragt? Sie fühlt sich zweifellos beobachtet, aber nicht auf eine freundliche, beschützende Art, sondern eher wie ein verhaßtes Insekt unter einem Mikroskop. Die Verwandten fragen Elenas Eltern bei jeder sich bietenden Gelegenheit, was das werte Fräulein Tochter denn so mache. Seit einiger Zeit wissen die Verwandten natürlich, daß die Eltern nichts Erfreuliches zu berichten haben werden, aber gerade das Unerfreuliche will man ja besonders gerne hören, zumal wenn man selbst nicht derjenige Mensch ist, der Kummer und Sorgen bereitet. Elena bereitet ihren Eltern viel Kummer und Sorgen, auch deshalb weil so oft nach ihr gefragt wird und man gar nicht mehr weiß, was man denn den Leuten alles erzählen soll. Schließlich geben ja die Leute keine Ruhe, bis sie nicht irgend etwas möglichst unschönes gehört haben und da sind sie ja auch bei Elenas Eltern an der richtigen Stelle, denn etwas schönes haben die schon lange nicht mehr über ihre eigene Tochter zu sagen. Viel lieber hätten sie vielleicht sogar eines der anderen Kinder, zu deren Eltern sie nun so neidvoll emporblicken, was Elena nicht verborgen bleibt. Denn für wie dumm sie alle Welt nun auch halten mag, so kann sie doch begreifen, was mit ihr geschieht.
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© Andre Seifert, 2006
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