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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
II., Seite 4
II.
Elena ist so müde, daß es ihr oft schwerfällt, weiter zu laufen, wenn sie irgendwo hingehen muß oder soll. Es gibt keine Orte, zu denen Elena noch wirklich hingehen will, deshalb muß oder soll sie das eben immer tun. Damals, als Elena einmal ein sehr beliebtes Kind in der Schule und deshalb auch ein sehr beliebtes Kind zuhause und überall sonst gewesen war, machte sie sich keine Gedanken über die Müdigkeit, aber damals war sie auch noch nicht so müde. Es hätte damals auch keinen Grund für die Müdigkeit gegeben. Heute gibt es viele Gründe, aber keiner will diese Gründe gelten lassen. Wenn einmal einem auffällt, daß Elena ganz offensichtlich immer furchtbar müde ist, dann heißt es gleich wieder, das sei ja nur ihre eigene Schuld. Sie habe eben nicht die nötige Disziplin, um es im Leben zu etwas zu bringen. Wenn sie nur frühzeitig zu Bett gehen würde, dann wäre sie auch nicht immer müde, sagen die Leute.

Dabei würde es gar keinen Unterschied machen,wenn Elena früher zu Bett gehen würde, denn schlafen kann sie nachts nicht mehr und das würde sie auch gar nicht wollen. Denn diese paar Stunden sollen wenigstens ganz allein ihr gehören. Die möchte sie keinem Schlaf schenken, der sie ohnehin wieder nur an die Orte bringen würde, an denen es für Elena nichts Schönes mehr gibt. Also liegt Elena wach in diesen Stunden der Nacht. Und selbst wenn sie schlafen wollte, so würde das die Angst vor dem nächsten Tag doch niemals zulassen. Denn am nächsten Tag wartet wieder die Schule auf Elena, mit den Lehrern und Klassenkameraden, die nichts von ihr halten. Oder es wartet das Wochenende auf Elena, mit den Eltern, die Elena alle möglichen Vorwürfe machen und die sie dazu ermahnen, doch gefälligst immer an die Schule zu denken, weil die Schule ja schließlich das wichtigste im Leben eines jungen Menschen zu sein hat - damit einmal ein anständiger Erwachsener aus dem jungen Menschen werden kann.

Das Wochenende beginnt mit Streitereien, denn das Wochenende gehört der Familie. Die Familie denkt nur an die Schule. Also macht es keinen Unterschied. Wohin kann Elena schon gehen?

Es ist Freitag nachmittag, Elenas Vater kommt von der Arbeit nach Hause. Sein erster Gedanke und auch sein erstes Wort gilt seiner Tochter, die er nach den neuesten Ergebnissen ihrer Bemühungen in der Schule fragt. Wenn es keine Neuigkeiten aus der Schule gibt, dann heißt es: "Mach gleich Deine Hausaufgaben für die nächste Woche! Zeig einmal etwas Disziplin!" Elena läßt die Standpauken wortlos über sich ergehen. Darin hat sie Übung. Was sollte sie beim tausendsten Mal auch noch entgegnen? Sie hat genug von den strengen Blicken ihres Vaters, der ihr damit angst machen will, weil er glaubt, Angst sei ein guter Lehrmeister. Wie oft muß man sich eigentlich dafür verteidigen, daß man einfach nur da ist? Wenn man ein junger Mensch ist, muß man sich immer dann verteidigen, wenn man gerade einmal nichts tut, was in den Augen der älteren Menschen um einen herum einen Sinn und Zweck hätte.

Die Wochenenden vergehen, die Freitage und die Samstage, sie vergehen wie im Flug. Und die Sonntage sind bleiern und doch auch viel zu kurz.

Am Samstag, als die Familie gemeinsam am Frühstückstisch sitzt, werden die Pläne für das Wochenende besprochen. Elenas Mutter möchte gerne einen Einkaufsbummel in Angriff nehmen. Deshalb ist Elenas Mutter auch so gut gelaunt und sie ist besonders nachsichtig mit Elena. Elenas Mutter verspricht ihrer Tochter einen Besuch im Schnellrestaurant und weist sogleich darauf hin, daß dies ausgesprochen freundlich von ihr sei, weil so ein Besuch im Schnellrestaurant ja eigentlich nur für ganz besondere Tage vorgesehen ist. Eigentlich müsse Elena ja erst eine besondere Leistung erbringen, so daß es einen Anlaß zum Feiern und damit einen Grund für ein Menü aus bunten Pappschachteln gäbe. Die Müdigkeit bricht wie eine Welle über Elena herein. Diese Müdigkeit, die längst zu ihrem ständigen Begleiter wurde - jetzt glaubt Elena, ihr nicht mehr standhalten zu können. Als gäbe es einen Auslöser, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Vielleicht war es ja der oberlehrerhafte Tonfall der Mutter, die selbst wenn sie sich um Freundlichkeit ihrem Kind gegenüber bemüht, es nicht zu versäumen vergißt, gleichzeitig einen Vorwurf oder einen Tadel auszusprechen. Von allem, was mit Lehrern und ihrer Art zu sprechen zu tun hat, hat Elena wirklich genug. Aber kann das allein der Grund für ihr schlagartiges Bedürfnis sein, sich dieser so fremd gewordenen Mutter und dieser ganzen fremden Welt zu entziehen? Wahrscheinlich ist es nach all den Monaten der Schlaflosigkeit nun einmal einfach an der Zeit. Es braucht keinen Auslöser, die Erschöpfung genügt.

Elena geht in ihr Zimmer. Sie verschließt die Tür. Sie legt sich auf ihr Bett, sie lädt den Schlaf zu sich ein und der Schlaf kommt wie ein alter Freund, den man lange vermißt hat. Der Schlaf kommt wie Nebel durch die Fensterritzen. Der Schlaf fällt wie Schnee auf Elenas Körper herab. Wenn der Schlaf schon lange nicht mehr da war, dann hat er keine Träume im Gepäck. Dann trägt er nur seinen warmen, schwarzen Mantel, mit dem er die Augen bedeckt und unter dessen Schutz die Menschen heilen können und neue Kraft finden. Die Tür ist verschlossen.

Im Schlaf verliert man jedes Gespür für die Zeit. Es können Stunden vergehen und doch hat man im Traum nur einen kurzen Augenblick erlebt. Es können Jahre vergehen in der Wirklichkeit der Träume und dabei doch nur ein paar Minuten auf den Uhren der wachen Menschen verstrichen sein. An diesem Samstag hat Elena ihr Zimmer jedenfalls nicht mehr verlassen. Aber geträumt hat sie nicht. Es war nur ein schwarzer Schlaf, der zumindest für eine Weile vergessen lassen kann, was einem im Leben Sorgen bereitet. < >

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© Andre Seifert, 2006
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