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Der tiefe Schlaf
Eine Geschichte für Kinder und Erwachsene
II., Seite 5
Ein merkwürdiger Schlaf, bei dem man die Geräusche um einen herum noch hört. Man hört, wenn im Flur jemand vorbeigeht. Man hört, wie andere Menschen miteinander reden, doch man kann nicht teilnehmen an ihren Gesprächen, weil der schlafende Körper keine Handlungen erlaubt. Wenn man sich in diesem Stadium des Schlafs befindet, dann weiß man, daß man sich eigentlich nur zwingen muß, aufzustehen, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Wir kennen dieses Momente, wenn früh morgens der Wecker klingelt, unsere Körper aber noch nicht sofort bereit sind, uns aufspringen zu lassen und unsere Seelen sich noch nicht aus der Wirklichkeit des Traums verabschieden können - wenn ein Traum erst ausgeträumt werden muß.

Elena spürt, daß einige Stunden vergangen sein müssen, denn sie hat durch ihre geschlossenen Lider erkannt, daß es dunkel geworden ist in ihrem Zimmer. Sie hört Geräusche aus dem Flur. Es klingt wie der Wind, eher wie ein Sturm, der durch die Wohnung bläst. Selbst wenn alle Fenster und Türen verschloßen sind, kommt der mächtige Wind mit seinem Lied in jede Wohnung hinein.

Dann spüren die Menschen für einen Augenblick, daß nicht sie allein es sind, die diese Welt beherrschen. Elena geht zur Tür. Sie möchte nachsehen, wie spät es ist und sich vergewissern, daß niemand ein Fenster übersehen hat, durch das der Sturm und mit ihm der Regen hereinkommen könnte. Elena dreht den Schlüssel um und öffnet die Tür und tatsächlich ist sie nun von Wind und Regen umgeben, doch wie im Flur der Wohnung ihrer Eltern sieht es hier nicht mehr aus. Es scheinen gar keine Wände mehr übriggeblieben zu sein. Nur Elenas Tür steht noch da und da wo gerade noch ihr Zimmer gewesen zu sein schien, ist nun auch nur noch Wind und Regen. Und der Boden sieht aus wie die Erde in der Nacht - ein von sanftem, dunklem Blau eingehülltes Grün und Braun, fast grau wenn kein Licht die Farben deutet.

Der Sturm, der alles weggefegt zu haben scheint, er rührt Elena nicht an. Und der Regen, der so kraftvoll auf das Land hernieder prasst, für Elena ist er leicht und warm. Er benetzt ihre Haut, so daß sie sich wieder frisch und sauber fühlt, nach dem langen Schlaf. Das Licht des Himmels trägt die Farben der Dämmerung. Man weiß nicht, ob bald ein neuer Tag anbrechen oder ein alter Tag zu Ende gehen wird. Doch es scheint allmählich heller zu werden und Elena versucht, sich zu orientieren. Wo sind die anderen Menschen geblieben? Niemand scheint mehr da zu sein.

Die Tür zu Elenas Zimmer, hinter der kein Zimmer mehr ist, steht nun auf einem kleinen Hügel. Elena möchte begreifen, wo sie jetzt ist. Also beschließt sie, den Hügel zu verlassen und sich umzusehen in dieser seltsamen Umgebung, die zunächst nur aus Luft und Erde zu bestehen schien. Doch mit jedem Augenblick erkennt Elena mehr Details. Als sie nun den kleinen Hügel hinab läuft, ist das erste, was sie bemerkt das Gras am Rande des Weges, den sie einschlägt und der tatsächlich eine Straße zu sein scheint. Das Gras sieht sie natürlich nur zuerst, weil sie nun einmal ihren Blick nach unten und dann zu beiden Seiten gerichtet hat. In fremder Umgebung muß man immer darauf achten, wo man hintritt, das weiß Elena. Man muß aufpassen, daß man den Boden nicht unter den Füßen verliert, daß einem der Boden nicht entgleitet. Als ihr Blick etwas länger auf dem Gras am Wegesrand verweilt, kann sie auch Blumen erkennen. Die Blumen fangen gerade erst zu wachsen an.

Es ist als würde die Welt gerade erst entstehen. Wo immer Elenas Blick hinfällt, da zeigt sich etwas völlig Neues im Moment des Entstehens. Zuerst sind die Blumen, die Elena sieht, nur Skizzen ihrer selbst. Wie mit Bleistift auf ein Blatt Papier gekritzelt, sprießen dennoch Blätter - zuerst nur deren Umriß, der sich sogleich mit den Farben und Texturen füllt, die aus einer Zeichnung eine echte Blume werden lassen. Tausende von Blumen, doch sie bleiben seltsam unfertig. So zweifellos real wie sie wirken, so scheinen sie dennoch einer fremdartigen Natur zu entspringen. Sie sind wie ein etwas verschwommener Abglanz der schönsten Blumen. Doch vielleicht ist es der milchige Himmel, der diesen Blumen das Strahlen der Lebendigkeit im Augenblick versagt.

Elena kann sich ohnehin nicht weiter mit den Dingen am Wegesrand beschäftigen, schließlich ist sie auf der Suche nach ihrer Familie und noch vielmehr auf der Suche nach Erklärungen dafür, was bloß geschehen ist. Wohin sind das Leben und die Welt von vor ein paar Stunden nur verschwunden?

Als sie zu grübeln beginnt, wie sie hier einen Weg nach Hause finden könnte, spürt sie etwas an ihrem linken Bein heraufkrabbeln. Zum Glück hat Elena weite Hosen an, so daß sie schnell mit einer Hand darunter fassen kann um die kleinen Eindringlinge zu verscheuchen. Und sogleich fallen auch schon aus der Öffnung ihres Hosenbeins zwei kleine Geschöpfe, die aufgrund ihrer Größe und Form wohl Würmer sein müssen, - auch wenn Elena noch nie zuvor solche Würmer gesehen hat. Sie sind giftgrün, aber für Raupen sind sie viel zu dünn. Für Würmer sind sie eigentlich viel zu schnell wieder entwischt, mit seltsam zischelnden Geräuschen. Aber Elena möchte an diese kleinen Plagen keinen weiteren Gedanken verschwenden, wer weiß wann es wieder dunkel wird - und bis dahin muß etwas geschehen. < >

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© Andre Seifert, 2006
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