Was sollte man an diesem seltsamen Ort schon tun in der Nacht? Noch nicht einmal ein warmes Plätzchen zum Schlafen scheint es hier zu geben, auch wenn Elena eigentlich schon im Voraus genug für viele Nächte geschlafen haben dürfte. Aber was sollte man sonst tun in der Nacht, außer still dazuliegen und zumindest in Ruhe nachzudenken, wenn man schon nicht schlafen kann? Man braucht einfach ein Ruhekissen und eine Decke in der Nacht. Wenn sie schon nicht ihre Eltern finden kann, dann muß sie wenigstens nach einem Schlafplätzchen Ausschau halten. Was wenn es schon Sonntag ist? Dann muß Elena nach der Nacht, die vielleicht schon sehr bald anbricht, wieder in die Schule gehen. Doch wie sollte sie das können, wenn sie noch nicht einmal zurück in ihr Zimmer findet, wo auch immer das nun sein mag? Der Gedanke an die Schule bereitet Elena auch hier an diesem eigenartigen Ort sofort Kummer. Doch es wird bald dunkel, man kann das Licht schon langsam schwinden sehen, also gilt es jetzt schnell ein Lager zu entdecken.
Mittlerweile ist Elena am Ende der Straße an einem Ort gelandet, der aussieht wie ein typisches Industriegebiet, wie es in so vielen Städten eines gibt. Hier dampft es aus Schornsteinen und der milchige Himmel wird gleich noch ein bißchen undurchdringlicher. Man kann sich kaum noch zurechtfinden. Ganz nah heran an die Gebäude muß Elena gehen, um überhaupt die Schrift erkennen zu können, die über machen Eingängen den Zweck der betreffenden Gebäude angibt.
Auf dem Schild über der ersten Tür steht in nüchternen Buchstaben "Eintütungsfabrik" geschrieben.
Was kann man sich schon unter einer Eintütungsfabrik vorstellen? Die Tür ist nicht verschlossen, also tritt Elena ein. Vielleicht kann sie hier wenigstens mit irgend jemandem sprechen, der ihr etwas über diesen Ort erzählen könnte. In einem großen Raum erkennt Elena zunächst nur eine Art Fließband in einiger Entfernung. Am Fließband scheint ein ziemlich dicker Mensch zu stehen, mit dem Elena natürlich sogleich ein paar Worte wechseln möchte. Auf dem Weg zum Fließband bemerkt Elena, daß dieser Mensch einen recht eigenartigen Umriß hat. Sein Kopf scheint winzig klein zu sein und sein Körper kugelrund. Aus der Ferne sieht es so aus, als würden an diesem Fließband Figuren verpackt, etwa Gartenzwerge oder Springbrunnenfiguren.
Doch als Elena schon fast bei diesem Menschen angekommen ist und das Licht nun aus einem anderen Winkel in die Fabrikhalle fällt, erkennt Elena daß es gar kein Mensch ist, den sie da am Fließband vermutete. Es ist viel mehr ein riesengroßer Vogel, ein Pfau um genau zu sein, der seinen beeindruckenden Fächer aufgestellt hat, weshalb es Elena zunächst so vorkam, als stünde da ein kugelrunder Mensch mit winzig kleinem Kopf. Elena geht um das Fließband herum, um sich den Vogel einmal von vorne anzuschauen. Und vor sich sieht sie nun eine feine Pfauendame, die ihr Haar in roten Löckchen und auf dem Schnabel eine modische Brille trägt. In gewisser Weise erinnert diese Pfauendame Elena sehr an ihre frühere Klassenlehrerin. Ganz so wie ihre Lehrerin ist die Pfauendame sehr um eine möglichst graziöse Erscheinung bemüht, während sie ihr Werk verrichtet, das nicht etwa im Verpacken von Gartenzwergen oder Springbrunnenfiguren besteht.
Nein, richtige Kinder sind es, die an diesem Fließband eingetütet und abgestempelt werden. Manche packt die Pfauendame in goldbestickte Täschchen, andere in Müllsäcke. Die meisten steckt sie nun in die goldenen Täschchen, weil es sich mittlerweile auch bis zu ihr herumgesprochen hat, daß man die Kinder in den Müllsäcken selbst auf den Müllkippen schon nicht mehr haben will.
Als die Pfauendame Elena erblickt, ist ihre Freude groß. Elena erinnert sie an eine ganz besondere Schülerin, die sie einmal hatte und von der sie glaubt, daß aus ihr mittlerweile etwas ganz Beeindruckendes geworden sein müsse. Elena versucht sich ihrer Aufdringlichkeit zu erwehren, wie sie Elena am liebsten liebkosen würde, Tee und Gebäck auftischt, während die Kinder auf dem Fließband vergebens versuchen ihren Verpackungen zu entfliehen. Sowohl die Kinder in den goldenen Täschchen als auch diejenigen in den Müllsäcken möchten ihrem amtlich besiegelten Schicksal entfliehen, aber niemand schaut auf dieses Fließband. Entscheidend ist für die Erwachsenen nur, was am Ende aus dieser Fabrik herauskommt - und heraus kommen die meisten in der ein oder anderen Form. Also scheint alles gut und richtig zu laufen, denken sich die Erwachsenen.
Die Pfauendame holt sogleich ihre Fotokamera und ein Stativ, um ein Bild von sich und Elena zu machen. Doch als sie Elena ganz nah zu sich heranholt, sticht ihr plötzlich ein Geruch in die Nase, auf den sie seit jeher allergisch reagiert. Elena, die sie gerade noch für ein so wertvolles Geschöpf hielt, riecht für sie aus der Nähe nun doch tatsächlich wie eines der Kinder, die sie ansonsten ohne zu zögern gewissenhaft in ihren Müllsäcken entsorgt. Nun schreit die Pfauendame Elena empört an, sie sei eine Betrügerin. Wie könne sie es sich bloß einbilden, eine so erfahrene Eintüterin hinters Licht führen zu können. Die Pfauendame hat schon einen Müllsack aus ihrer Schublade gezogen und will Elena auf der Stelle hineinstopfen. Doch Elena gelingt in letzter Sekunde die Flucht aus dieser eigenartigen Fabrik. < >